Identitätskrisen

Freitag, 16. Mai 2008

Rätsel Nummero 119

Der Krieg ist immer unmenschlich. Wenn du Glück hast, bist du fern der Heimat. Marschierst durch die Wüste. Leidest Hunger und Durst. Fragst dich, was das mit Italien und der Madonna zu tun hat. Wenn du weniger Glück hast stehst du mit einem Gewehr zwischen dem Feind und den deinen. Wenn du versagst wird deine Liebste geschändet, deine Eltern erschlagen, deine Kinder verschleppt. Ich hatte Glück. Ich durfte mich nach der Liebsten sehnen.

Ihre Bewunderung ließ mich stets aushalten, was auch geschah. Vielleicht bist du überhaupt nur wegen einer Liebsten hier? Die Uniform lässt Mädchenherzen höher schlagen. Also bist du vor ihr her stolziert, das Gewehr im Anschlag. Links 2,3,4 rechts 2,3,4 ... Süße Küsse haben deinen Patriotismus belohnt. Und nun bist du hier.

Italien ist weit. Die Schlacht war grausam. Der Feind zu stark. Wir überlebenden wurden wie Tiere zusammengepfercht und in einen Zug nach Kairo verfrachtet. Was dort auf uns wartet? Keine Ahnung. Vermutlich das Kriegsgericht.

Am Bahnhof wittert ein Zigarettenverkäufer seine große Chance. Auch seine Augen glühen beim Betrachten der Uniform. Er tastet die goldenen Knöpfe ab, als wären sie seine Eintrittskarte ins Paradies. Er wollte meine Jacke. Ich wollte Zigaretten. Ein fairer Handel. Aber er drückte den Preis. Er bot eine Schachtel, da waren die Knöpfe mehr wert. Ich wollte zehn. Aber es war meine einzige Chance. Wer weiß, ob wir noch einmal halten würden. Im Gefängnis können dir Zigaretten das Leben retten. Außerdem können sie dir die endlose Zeit verkürzen, während du auf deinen Prozess oder den Tod oder den Austausch wartest. Sie schenken die Gelassenheit. Es komme, was kommen soll.

Er feilschte verbissen. Schuhe, Hose und Jacke für insgesamt vier Schachteln. Soviel waren ihm und uns unsere patriotische Ehre wert. Am Ende stand ein Sohn Italiens mit dunkler Hautfarbe vor uns.

Doch es waren schlechte Zeiten für italienische Soldaten in Kairo. Besonders, wenn sie Befehle missachteten. Befehle von patriotischen ägyptischen Soldaten mit Gewehren. Vier Schachteln sind ein sehr niedriger Preis für das eigene Leben.


Um welche Kurzgeschichte handelt es sich? Aus welchem Buch stammt sie? Wer ist unser Erzähler?

Dienstag, 13. Mai 2008

Rätsel Nummero 118

Um welches Buch handelt es sich hier? Wer ist unser Erzähler?

Ich war der erste, der erkannt hatte, dass er der geborene Führer war. Ich war auch dabei, als er das Muschelhorn fand. Sonst hätten die anderen nie auf ihn gehört. Dann wäre dieser Jack unser Anführer geworden. Die ganze Zeit lief ein permanenter Wettbewerb zwischen den beiden. Mal versteckt, mal offen. Jack, der das hohe C singen kann. Jack, der seine Privatarmee im Gleichschritt im Mantel über die Insel jagte. Jack, der für jede Schwäche nur Verachtung übrig hatte. In mir sah er leider die personifizierte Schwäche.

Ralph dagegen, war meine Rettung. Er war nicht etwa mein Freund, oh nein. Er fand mich nützlich. Nicht sympathisch, nicht interessant genug, um eine Freundschaft ins Auge zu fassen, aber nützlich genug, um sich die Namen der anderen zu merken oder um ihm mitzuteilen, was die anderen der Gruppe dachten. Er zeigte mir gleich am ersten Tag meinen Platz: ganz unten. Er verriet mich und meine größte Angst, meine Hoffnung auf eine gleichberechtigte Existenz. Verrat tut immer weh. Besonders, wenn du noch auf Freundschaft hoffst und um Zuneigung oder Kameradschaft gebettelt hast. Ich lernte, dass Vertraulichkeit völlig fehl am Platz war. Ich konnte nur hoffen, geduldet zu werden.

Ich wurde Ralphs linke Hand. Die rechte – Jack – war schwer genug zu bändigen. Am Anfang heilten sich noch alle an die Regeln. Wir waren eine Art Demokratie, mit Ralph als Präsident, Polizei und Justiz in einem. Wir hatten ihn gewählt, nun mussten wir mit seinen Entscheidungen leben. Aber alles hatte Hand und Fuß. Er hat sich des Öfteren mit mir beraten. Leider wusste Jack genau, was die andere suchten. Spannung und Spaß statt Disziplin. Seine Anhänger dürfen tun, was sie wollen, sofern sie gehorchen, wenn er etwas zu sagen hat. Sie wollen beweisen, dass sie erwachsen sind. Sie tanzen nachts halb nackt um das Feuer. Sie prahlen mit ihren Heldentaten. Sie jagen. Immer wenn sie mich ansehen, ist dieser Glanz in ihren Augen. Sie gehen auf Schweinejagd, dass hat mir Jack selbst gesagt. Bedeutungsschwanger zugeraunt, als Ralph nicht hin hörte. Ich solle lieber nicht so weit von meinem Herrchen weg laufen. Sein Messer ist geschärft. Er beobachtet mich.

Es könnte hier so schön sein. Ich habe soviel mehr Möglichkeiten, als bei meinen Eltern. Aber Jack verwandelt es in meine persönliche Hölle. Und ich weiß nicht einmal warum.

Freitag, 9. Mai 2008

Rätsel Nummero 117

Ich bin für ein paar Tage im Urlaub. Ihr habt also bis Dienstag Zeit, das Rätsel zu lösen. Wie immer suchen wir das Buch und den Erzähler. Viel Spaß beim Raten:

Diese jungen Leute bleiben nie lange. Es gefällt ihnen wohl nicht bei mir. Das Haus ist zu weit draußen. In der Küche dürfen sie nur Wasser holen. Nichts als Beschwerden. Dabei fängt deren Leben doch erst an. Die wissen noch gar nicht, was es bereit hält. Als wir so jung verheiratet waren, mein Mann und ich, ja, da habe ich auch noch Forderungen an das Leben gestellt. Ich hatte eine gute Aussteuer und habe nie viel verbraucht. Fünfzigtausend haben wir gespart, mein Mann und ich. Und nun, wo er gestorben ist ...

Einer der Mieter muss es mir gestohlen haben. Ich habe alles aufgeschrieben. Jeden Abend sitze ich und rechne. Ein Pfund Butter kann doch keine dreitausend Mark kosten. Seit dem Krieg musste ich viele hier zur Miete wohnen lassen. So viele, dass ich ihre Namen vergessen habe. Einer von ihnen hat es mir gestohlen. Hat die Bücher gefälscht. Überall Nullen angehängt. Ein Pfund Butter kann doch keine 3000 Mark kosten? Es muss einer der Klugen gewesen sein. Immerhin hat er sich die Mühe gemacht, mein Haushaltsbuch zu fälschen. Wenn mein Mann noch da wäre, der würde sich das nicht gefallen lassen.

Ich sitze jeden Abend im Dunklen und rechne und weine. Naja, jeden Abend, wenn neue Mieter da waren. Irgendwann stehen sie alle vor meiner Tür. Sie wollen ihre Beschwerden los werden. Soviel Miete für so eine kleine Wohnung. Und mit so vielen lästigen Sachen. Die Küche, die Uhr,... spätestens da hake ich ein. Die Uhr hat mein Mann mir zur Verlobung geschenkt. Sie schlägt und schlägt und schlägt. Vor Allem, wenn sie bewegt wurde. Sie schlägt immerzu. Irgendwann hört sie auf. Ich denke dann immer an meinen Mann. Der hat es noch gehört, das Schlagen...

Spätestens dann sind sie weg. Soviel Leid kann keiner ertragen. Viel wichtiger ist die Frage, ob es genug Leid war, um sie am Ausziehen zu hindern. Mir egal, ob sie aus Mitleid bleiben, oder aus Angst. Hauptsache, sie zahlen pünktlich die Miete.


Dienstag, 6. Mai 2008

Rätsel Nummero 116

Von wem stammt dieser Abschiedsbrief? Welche Ereignisse in welchem Buch führten zu diesem endgültigen Entschluss?

Lieber Fabio,

ich habe immer versucht Dir ein guter Freund zu sein. Es mag Dir schwer fallen, mir zu glauben. Ich weiß nicht, ob ich es glauben könnte. Vielleicht wird sich Deine Gedächtnislücke nie schließen. Glaube mir, der „Unfall“ war das Beste, was Dir zu diesem Zeitpunkt passieren konnte.

Wir sind schon so lange Freunde gewesen, dass es mir schwer fällt, mir ein Leben ohne Dich vorzustellen. Auch wenn es nicht so aussehen mag, ich habe alles nur für Dein Wohlergehen getan. Nun gut, vielleicht nicht alles. Die Sache mit Norina steht natürlich auf einem anderen Blatt. Aber Du hattest sie verlassen. Bei einer dieser PR Veranstaltungen hattest Du Marlene kennen gelernt. Trotzdem habe ich Dich immer verteidigt. Auch gegenüber Norina. Du standest unter Druck. Deine Lokführerreportage hatte nicht die gewohnte Qualität und Du hattest überall so mit der „großen Sache“ an der Du dran wärst geprahlt, dass wir nichts Geringeres als Watergate erwartet haben.


Ich weiß, Du kannst Dich nicht mehr daran erinnern. Ja, ich weiß, an welcher Story Du gearbeitet hast. Du hast mich irgendwann eingeweiht. Ich werde Dich jedoch nicht ins Vertrauen ziehen. Du hast Recht: Ich habe alle Daten auf Deinem Palm und Deinem Notebook gelöscht. Die Veränderungen, die in Deinem Leben in den Wochen vor sich gingen wurden durch diese Recherche ausgelöst. Du hast Dich verändert. Deine Freundin, ja Dein ganzer Freundeskreis war Dir nicht mehr gut genug. Du wolltest in die Welt des Geldes eintauchen, die Du sonst stets verspottet hast. Dabei hast du viele alte Freunde und Kollegen auf der Strecke gelassen. Du hast Dich vielleicht gewundert, warum Deiner Kündigung keine Steine in den Weg gelegt wurden… Nun ja, als Du nach den großen Worten keine Taten folgen ließest und Dein letzter Artikel nicht pulitzerpreisverdächtig war..

Ich weiß nicht, ob Du die Geschichte mit Norina noch einmal hin bekommst, jetzt, wo ich nicht mehr im Wege stehe. Die Frage, ob ich je wirklich im Wege gestanden habe, kann nur sie beantworten. Angeblich hat sie sich nicht wegen Dir wieder von mir getrennt. Nun ja, ich gestehe, sie war der letzte Fixpunkt meines Lebens. Ich hoffe, Du wirst mir verzeihen, wenn ich unser Geheimnis mit ins Grab nehme. Ich bete darum, dass Du Dich nie an diese fünfzig Tage erinnern wirst. Vielleicht magst Du mir eines Tages verzeihen oder immerhin glauben, dass ich alles getan habe, um Dir zu helfen.

Dein Freund …


Montag, 5. Mai 2008

Rätsel Nummero 115

Beim ersten Mal ist alles anders. Ich wusste gleich, die große Liebe ist das nicht. Er machte mir Vorwürfe. Dachte wohl, nur weil er Professor am hiesigen Gymnasium ist, das teilte er mir gleich mit, könnte er mit mir umspringen, wie mit seinen Schülern. Aber da muss er sich schon was einfallen lassen, um mit mir ins Kabuff zu kommen. Arbeit gibt es nicht umsonst. Und er sah nach Arbeit aus. Auch wenn es Strafarbeit sein sollte.

Er warf mir vor, ich würde seine Schüler verführen. Als ob ich um Erlaubnis fragen müsste, ob die Herren mir Bukette verehren dürfen. Ich bin schließlich eine Künstlerin. Dann drohte er mir sogar. Mit der Polizei. Als ob nicht alles rechtens wäre, was ich machen würde. Dem habe ich erst mal was erzählt. So ein komischer Mensch. Wo ich doch hier eine ganze Reihe Offiziere kenne. Die brennen darauf, mir einen Dienst zu erweisen. Er müsse da schon höflicher sein.


Aber er tat mir leid. Wollte wohl nur Druck ablassen. Viel ärgerlicher war, dass die feinen Herren nur vier Mark übrig hatten. Gucken wollen sie alle. Zahlen will keiner. Nun ja, er war dann doch ganz leidlich. Und er kam wieder. Natürlich nur, um seine Schüler zu erwischen. Und die Kollegen. Und jeden spießigen Kleinbürger, der Wasser predigte und Wein trank. Nun ja, wohl er Bier. Und noch dazu kein gutes.

Alle denken ja, ich würde mit jedem unter die Decke kriechen. Aber so bin ich nicht. Essen und Getränke, ja, die dürfen mir die Herren ausgeben. Mal einen neuen Hut oder etwas Schmuck, sowas nehme ich auch gerne an. Aber immer ohne Gegenleistung. Eine Frau will ja auch mehr… ein bisschen Liebe zum Beispiel. Er bot mir zuerst an, die Wohnung zu bezahlen. Natürlich ohne Hintergedanken, sagte er. Aber das haben sie alle.

Ich weiß nicht, ob die Lust triumphierte, oder er über seine Schüler. Ich lernte ihn zu schätzen, den Professor. Er war halt ganz anders, als diese Pennäler mit ihren Mützen. Irgendwie verloren.

Im Prozess gegen seine Schüler sagte ich aus. Ich dachte, mein Geständnis würde ihn milde stimmen. Immerhin vernichtete es seine Feinde. Die Offizierslaufbahn war nach der Ehrenschuld vorbei. Aber er zog sich zurück. Trotz oder gerade weil ich ehrlich war. Dann aber machte er mir Liebeserklärung - ich glaube jedenfalls, das es eine war – so unverständlich und kompliziert, wie nur er es vermag. Wir werden heiraten. Mir gibt er die Welt – auch wenn er seine verliert.


Um welches Buch handelt es sich hier? Wer ist unsere Hauptfigur?

Freitag, 2. Mai 2008

Rätsel Nummero 114

Ich mag meinen Beruf. Wirklich. Ich bin Lehrerin geworden, da ich Kinder liebe. Ich muss es mir nur manchmal ins Gedächtnis rufen. Natürlich ist es viel einfacher, Kinder zu lieben, wenn man sie nicht jeden Tag unterrichten muss. Ein oder zwei – besonders die eigenen – sind viel liebenswerter als dreißig. Besonders wenn der eine die Hausaufgaben vergessen hat, der andere mit seinen klebrigen Händen deine teure und in mühevoller Kleinarbeit vorbereitete Origamivorlage verschmirrt und der dritte dem einzigen Kind, das gerade deinen Ausführungen gelauscht hat, eins auf die Nase gibt. Aber meistens macht mir die Arbiet Spaß. Nur an so Tagen, an denen etwas Besonderes los ist, da nicht so.

Heute zum Beispiel: Ein Klassenfoto sollte gemacht werden. Ich hatte den Kindern gesagt, sie sollten sich schick anziehen. Das wäre eine Erinnerung fürs ganze Leben. Einige hatten das ein wenig zu wörtlich genommen. Brillantine und Hemd ist für einen Grundschüler vielleicht ein wenig zu „erwachsen“. Aber egal. Die Eltern werden es schon wissen. Was aber den Georg geritten hat, in der Marsbewohner-Ausrüstung zu kommen, das werde ich nie verstehen. Na gut, sein Vater ist einer dieser Angeber mit wenig Zeit und viel Geld, der sich die Liebe seines Sohns erkaufen will. Aber so lässt man doch kein Kind zur Schule gehen!!!! Und das Kind ließ sich auch nicht davon abbringen, den Helm abzusetzen. Zu dem Zeitpunkt hatte ich schon die Faxen dicke.

Und dann dieser Fotograph! Dreißig Kinder stoßen, wirbeln und rempeln auf dem Schulhof durcheinander und der erdreistet sich mir zu sagen, wie ich meinen Job machen soll. Ich sollte mich abregen, er wüsste schon, wie man mit Kindern umgeht. Dem hätte ich gerne mal am Ohr gezogen. Solche Männer liebe ich ja. Großkotz zu Anfang und kaum ist läuft nicht alles, wie er sich denkt, klein mit Hut. Der Sonntagsschulpädagoge machte auf verständnisvoll. Als aber sein kindisches „da kommt ein Vögelchen raus“ bei meinen technologieverliebten Kids nicht ankam, da war auf einmal wieder der autoritäre Führungsstil gefragt. Von Kuschelpädagogik zum Bootcamp innerhalb von fünf Minuten.

Es dauerte ewig, bis die Kinder Kisten aus dem Keller geholt hatten, auf die sie sich stellen sollten. Hätte er das vorher gesagt, hätten wir ja etwas vorbereiten können. So durfte ich mal wieder den Spielverderber spielen und die Gespensterjagd unterbinden. Immerhin wollte ich noch ein wenig Mathematik üben. Das Ganze dauerte sowieso schon viel zu lange. Die Verteilung der Plätze ging natürlich auch nicht ohne die üblichen Rangkämpfe ab. Irgendwann heulte die eine Hälfte der Klasse und die andere hätte bis an ihr Lebensende Strafarbeiten schreiben müssen. Meine ganze Kreativität wurde beansprucht. Immerhin kann ich nicht 10x ein Aufsatzthema wie „Warum ich meine Klassenkameraden nicht schlagen darf!“ oder 100x den Satz schreiben „Ich darf mich nicht über die Strafarbeiten meiner Klassenkameraden freuen.“ aufgeben. Allein schon, weil ich keine Lust habe, das Alles zu korrigieren.

Als schon fast die gesamte Klasse mit dem einen oder anderen Thema beglückt war beschloss ich eine Generalamnesie. Natürlich mit pädagogischen Hintergedanken, denn bei den Arbeiten lernten sie ja nichts, weder fürs Leben noch für den Augenblick. Ich bot ihnen für 10 Minuten ruhiges strammstehen die Freiheit an. Sie standen nämlich fast richtig und ich hatte die Hoffnung auf ein Foto noch nicht aufgegeben. Alle waren einverstanden. Eigentlich ist meine Klasse nämlich prima. Sie und ich vergessen das nur manchmal. Aus dem Foto ist leider trotzdem nichts geworden. Der Fotograf war nämlich während der ganzen Irrungen und Wirrungen geflohen. So sind sie, die Sonntagsschulpädagogen. Kein Durchhaltevermögen.


Wer ist unsere Hauptfigur und um welches Buch handelt es sich hier?

Dienstag, 29. April 2008

Rätsel Nummero 113

Ich trenne meine Zeit auf zwischen der Lebenden und der Toten. Beiden habe ich durch einen heiligen Schwur versichert, in guten wie in bösen Tagen für sie da zu sein. Die eine nahm ich aus Liebe. Die andere als Mutter für meinen Sohn. Die einzige Pflicht, die sie vernachlässigt. Dem Pfarrer stieß es wohl auf, als ich so kurz nach ihrem Tode die Lene zu mir nahm. Aber die alte Frau, die den Tobias hütete, die wurde doch nicht mit ihm fertig. Fast verbrannt ist er ihr einmal. Und ein anderes Mal fiel er von ihrem Schoße zu Boden. So ein Säugling, der ist doch ganz zart. Den darf man doch nicht fallen lassen.

Lene ist ganz anders, als die Minna. Wo Minna zart und intelligent und weich war, da ist Lene grob und herrisch und ungestüm. Sie besorgt das Haus wie keine andere. Das Wirtschaften liegt ihr genauso im Blut, wie das Bestimmen. Aber all das ertrage ich, denn des Nachts ist es ihre Leidenschaft, die mich am Leben hält. Ich habe Minna versprochen, dass ich auf ihren Sohn acht geben werde. Er ist mein Augapfel. Mein ganzer Stolz. Ich sehe ja, dass Lene nicht gut mit ihm ist. Sie sieht ihn als Last, die es zu ertragen gibt. Als Konkurrenz, um meine Liebe für sie und ihren Sohn. Dabei lasse ich ihr doch alles durch gehen. Ist das nicht ein Zeichen von Liebe? Nein, es ist ein Zeichen meiner sündigen Fleisch gewordenen Schwäche.

Nun wird die Lebende auch das letzte Refugium der Toten stören. Ich habe einen kleinen Acker bekommen, auf dem wir Kartoffeln anbauen können. Direkt an den Bahngleisen. Lene wird meine Andachten für Minna stören. Meinen Schrein werde ich verbergen müssen. Oh Minna, was auch immer ich tue, denke daran, es ist alles für Tobias.


Um welches Buch handelt es sich und wer erzählt uns diese Geschichte?

Montag, 28. April 2008

Rätsel Nummero 112

Mein lieber Mann, Gott hab ihn selig, hat sein Leben auf der Isar gelassen. Jedes Jahr bringe ich ihm an seinen Todestag einen Kranz auf das Grab. Er hätte es so gewollt. Ich weiß, dass der Herr Gott ihn beschützen tut. Wer sich auf Erden nichts zu Schulden kommen lässt, der wird im Himmel sein Auskommen haben, sagt der Herr Pfarrer immer.

Auf der Erden, da muss ich nun freilich selber für mein Auskommen sorgen. Ich vermiete Zimmer. Zwei junge Herren wohnen bei mir. Sie machen mir nicht viel Arbeit. Der eine ist stets krank. Er liegt in seinem Zimmer und starrt die Decke an. Er lamentiert über seine Schlaflosigkeit, seine Schlafkrankheit, das fehlende oder das zuviel an Mitleid seiner Bekannten und ist auch sonst stets unpässlich. Der andere studiert Jura. Er hat selten Besuch. Ein Weibsbild war noch nie bei uns. Seine Eltern – vornehme Juden – bezahlten ihm Kost und Logis. Ab und an kommen ernsthafte Studenten für die ich Tee koche. Dann hört man dann laute Gespräche über Paragraphen und Zion. Aber er ist kein Politischer. Er ist ein Künstler, der eigentlich Jura studiert.

Morgens spielt er Klavier – sehr zum Verdruß seines Nachbarn. Aber er spielt nicht schlecht. So ein freies Konzert ist was Feines. Auch wenn er vieles öfter spielt. Und, wie Künstler nun mal so sind, neigt er zum Schwermut. Daher habe ich ihm auch nur helfen wollen, als ich dieses kleine Schreibheft bei ihm fand. Beim Saubermachen. Nicht das hier jemand denkt, ich schnüffele hinter meinen Mietern her. Das hätte mein Mann – Gott hab ihn selig – nicht gewollt.

„Tagebuch“ und „Incipit vita nova“ stehen auf dem Titelblatt. Eigentlich hätte man es sogar abschließen können … aber das war ein Hilfeschrei. Der junge Mann wollte doch, dass ich ihm helfe.

Er habe vergessen, dass er Jude sei. Sein Judentum wäre ein lästiges Gepäckstück auf dem Weg nach Europa. Schon als Kind müsse man den Mut haben, sich von den Eltern los zu sagen.

Und dann lauter Fremdwörter und Gefühle über die Musik mit ganz vielen Ahs und Ohs… Das kann doch nicht richtig sein. Ich habe ja lange mit mir gerungen. Aber als es dann auf einmal hieß, er müsse Schluss machen. Ohne viel Geschrei verschwinden. Bis zum Äußeren gehen … da musste ich handeln. Ich habe dann dem Herrn Vater, dem Herrn Doktor einen Brief geschrieben. Ich hatte ja Angst, dass er sich was antut, der liebe Herr Student.

Werter Herr Doktor – habe ich geschrieben – und das mir sein Herr Sohn so gar nicht mehr gefallt, in letzter Zeit. Er muss sich wegen den Weibsbildern keine Sorgen machen. Es ist das Gemüt. Ob er nicht kommen könnt. Der Herr Sohn schreibt so ein gottloses Zeug in sein Tagebuch. Nicht das er sich was antut. Daher lege ich ein paar Seiten bei.

Der Vater wird’s schon richten. Immerhin ist er ein Doktor. Der kann ihn auch gleich ins Gebet nehmen. Ich habe nur mein Bestes gegeben.


Freitag, 25. April 2008

Rätsel Nummero 111

Sie sollten mir dankbar sein, dass ich trotz der Gefahr zu ihnen raus gehe. Ohne mich hätten sie nichts zu beißen. Im Dauerregen der englischen Langrohre müde und hungrig kämpfen? Da erscheint die Desertation viel verlockender... Da denkt der Soldat nicht mehr an den Strick und die Schande sondern an ein gutes Essen und die Arme seiner Liebsten. Aber wenn ich mit meinen dicken Bohnen und den Zigaretten auftauche... Dann ist wieder Leben in der Bude. Da erwacht der Kampfeswille. Ich bin der wichtigste Mannschaftsteil der Truppe. An meiner Gulaschkanone entscheidet sich Sieg oder Niederlage.

Es wird ja immer gesagt, je besser die Armee, desto schlechter das Essen. Aber bei uns ist das anders. Wir bieten eine abwechslungsreiche gesunde Kost. Brot und Wurst, das sind immer gute Grundlagen für eine Mahlzeit. Dazu Bohnen oder Erbsen, da bleibt der Magen lange voll und die Muskeln sind geschmeidig. Wir wollen keine verzogen Bürschchen an die Front schicken. Wir haben nur eine Antwort für die verweichlichten Feinschmecker da draußen, die nach Käse und Froschschenkeln gieren, Kugeln.

Aber wer weiß, vielleicht kämpft gar nicht Deutschlands Elite in meiner Kompanie. Vielleicht hat die Feindespropaganda schon angeschlagen. Statt Giftgas locken sie geschickt mit Steak und Champagner. Jedenfalls höre ich immer nur Beschwerden. Ich käme zu spät. Sie hätten schon Hunger. Das Essen wäre kalt. Sind das Soldaten oder Kleinkinder. Sie sollten froh sein, dass ich zu ihnen heraus krieche. Wenn mich eine Granate trifft haben sie gar nichts mehr zu essen. Klar verpflege ich sie auch lieber, wenn sie im Lager sind. So ist das ja nichts. Aber Soldaten im Quartier bringen nun mal nichts. Da muss man sie auch nicht bei Laune halten.

Jedenfalls bin ich auch mal großzügig. Letztens zum Beispiel: Die Kompanie war am Abend zuvor zurück verlegt worden. Während der letzten Tage war es ruhig an der Front geworden. Ich hatte Essen für 150 Mann dabei. Außerdem Kautabak und Zigaretten. Es fanden sich aber nur knapp achtzig Mann vor meiner Feldküche ein. Es hatte in der Nacht überraschend viel Langrohr und dicke Brocken gegeben. Die halbe Stellung war unter dem Dauerbeschuss aufgerieben worden. Eigentlich hätte ich dann natürlich auch nur Essen für achtzig Mann ausgeben dürfen. Aber die Jungs haben so gebettelt... Es ist nun mal Krieg. Das Land baut auf die Schultern dieser mageren Burschen. Und wir - seine Soldaten - sind die Besten der Besten.

Dienstag, 22. April 2008

Rätsel Nummero 110

Ich habe mein Leben den Armen gewidmet. Denen, die dem Leben alles abtrotzen und die trotzdem glücklich sind. Ein tapferes Volk, das immer wieder bedroht wurde. Kriegerische Nachbarn mit Guerillaarmeen, Militärführer oder der Hunger - dieses Land kann alles aushalten. Aber die Natur, die immer wieder verheerende Stürme über die Berge jagt, die lässt uns verzweifeln. Uns, das heißt die wenigen Menschen, die hier sind, um zu helfen. Wir verteilen Lebensmittel, bauen Schulen und Krankenhäuser. Wir kämpfen um jeden Dollar, der in diese arme Region voller tapferer Streiter des Alltags gepumpt werden muss.

Da bleibt nicht viel Zeit für etwas anderes. Die Einsamkeit ist furchtbar. Aber ich konnte doch nicht mein Leben über ihres stellen. Philip hat das nie verstanden. Er warf mir vor, dass, was wir hatten weg zu werfen. Ihm reichten die Briefe und die kurzen Momente des Glücks nicht, wenn ich einmal im Jahr nach Amerika zurück kam.

Er wurde sesshaft. Er heiratete. Er bekam das spießige Leben, wovon ich als Kind geträumt hatte. Ich konnte ihm dieses Glück nicht schenken. Nicht für ihn und seine Karriere da sein. Ich musste das einer anderen überlassen. Ihnen beiden machte ich das größte Geschenk: meine Lisa.

Sie wuchs in einem Land, meinem Geburtsland, auf, in einem festen Haus. Ohne Angst vor Regen und Hunger. Sie trug schöne Kleider, lernte Abschlussbälle, Theater, Kino und Bücher kennen. Ich ermöglichte ihr ein sorgenfreies Leben. Weit weg von mir. Philips neue Familie sollte auch die ihre werden. Ja es tat weh, wenn ich mir einmal jährlich gestattete, sie durch den Schulzaun zu beobachten.

Aber ich konnte doch keinen Kontakt aufnehmen. Ich war offiziell tot. Ob sie mich je verstehen wird? Ob ich je den Mut finde, mit ihr zu sprechen? Oder Philip die Wahrheit zu sagen? Er sieht sie jetzt an, wie mich, als wir Kinder waren: voller Liebe und stolz. Und auch diese Frau ... ich werde immer Lisas Mutter sein, auch wenn sie einer anderen Tochter wurde. Paradox, ich weiß.
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