Identitätskrisen
Ich habe das gesamte Land bereist um ihn zu finden. Er hat seine Bestimmung erfüllt. Das Nichts ist aufgehalten worden. Nun muss ich ihn retten. Ich habe die Stadt der alten Kaiser gesehen. Sie alle haben uns einmal gerettet. Sie wollten Macht statt Dankbarkeit. Irgendwann haben sie sich alle zum Kaiser ausrufen lassen. Und vergessen. Wer sie waren. Woher sie kamen. Sie kommen in die Stadt der alten Kaiser. Hier gibt es keine Vergangenheit und keine Zukunft. Ich will ihm nur helfen. Er ist mein Held, mein Freund. Wir haben zusammen viele Male unser Land und unsere Kaiserin gerettet.
Ich versammelte drei Heere. Ich gürtete Schild und Schwert. Ich zog zur Krönigung. Ich wusste schon vorher, dass ich den Zweikampf verlieren würde. Aber vielleicht würde es ihn zum Nachdenken bringen. Warum wohl ist Sikánda nicht in seine Hand gesprungen? Er zog und die Wunde, die er mir schlug, verletzte mich mehr, als Blut oder Fleisch. Mein teurer Freund der Lüfte, du rettetest mich und seine letzte Hoffnung. Ich habe alle Erinnerungen, die er uns an langen Abenden am Lagerfeuer oder auf deinem schlanken Leib in den Lüften zugeflüstert hat behalten. Ich habe sie tief in mein Gehirn gelassen und in meinem Herzen bewegt. Eines Tages wird er auf uns hören. Er wird mir das Zeichen unserer Herrin freiwillig übergeben. Ich selbst habe es lange für ihn getragen. Ich werde es wieder tun. Dann kann er Heim kehren. Wir alle werden ihn nie vergessen. Ein Kaiser war er nie, aber ein Held, dass war dieser kleine, dicke Junge immer.
8.00
Tipps Nr. 1
9.00
Tipps Nr. 2
10.00
Tipp Nr. 3
18.00
Lösung
derwahnsinnhateinennamen - 13. Okt, 00:07
Es ist einfach, Häuser zu beschreiben. Sie nehmen die Persönlichkeit ihrer Besitzer an. Ja, genau wie Hunde. Wenn man das erst Mal verstanden hat, kann man jedes Haus so anpreisen, dass Interessenten es sich wenigstens ansehen. Ihnen will ich aber noch mehr verraten: Es passiert auch umgekehrt!
Nehmen wir die Bowmans. Mister Bowman ist eine Ruine. Wenn er dort im Rollstuhl vor sich hin brummelt... selbst bei gründlichen Renovierungsarbeiten würde der Erfolg ausbleiben. Misses Bowman – seine Frau – dagegen hat durchaus Potential. Man müsste sie rund um erneuern, modernisieren und geschmackvoll ausstatten. Wahrscheinlich würde ihre Religiosität einem raschen Verkauf im Wege stehen. Aber auch dafür gibt es Liebhaber. Sie ist wie die Bethel-Teestube: nichts für Zauderer, ein tolles Angebot für einen unerschrockenen Käufer, der an einer Investition im historischen Kern interessiert ist. Renovieren. Renovieren. Renovieren. Diese Frau schreit gerade zu danach, aus ihrer Einsamkeit errettet zu werden.
Tja, bliebe noch die Tochter. Merriday. Ein wunderhübsches Haus, Baujahr etwa 1960, wird von vielen umschwärmt, hatte aber bisher nur wenige Besitzer. Wenn eine solche Rarität auf den Markt kommt stehen die Interessenten Schlange. Sie werden kaum enttäuscht werden. Nur der Stil, das ist schwierig. Vielleicht ein herrliches, klassisches Gebäude oder doch eine Kreuzritter-Festung mit acht Meter dicken Mauern, die jedem Kanonenfeuer stand halten. Mit heißem Pech auf den Zinnen und einer Zugbrücke, die sich nur für Freunde öffnet. Schwer zu erobern, aber bei Häusern zahlt sich Geduld immer aus.
8.00
Tipp Nr. 1
9.00
Tipp Nr. 2
10.00
Tipp Nr. 3
18.00
Lösung
derwahnsinnhateinennamen - 10. Okt, 00:09
Ich zog von Dorf zu Dorf auf der Suche nach meiner Braut. Das sagte ich natürlich erst offen, als der Tag meiner Hochzeit bereits fest stand. An dem Tag, an dem ich zum ersten Mal das Dorf betrat berichtete ich von meiner Arbeit. Ich bin Eisenbahningenieur. Das macht gleich den richtigen Eindruck. Zuverlässig, intelligent, betucht. Ich sprach im Kino des Ortes groß und breit von der Dringlichkeit, eine Eisenbahnlinie ins Innere des Landes zu bauen. So würde man endlich von den Launen des Flusses unabhängig. Die Menschen hingen an meinen Lippen, da sie eine neue Bedeutung, ja Wohlstand verkündeten, von denen ihre Eltern und Großeltern noch nicht mal geträumt hatten. Auch meine anderen Talente zeigte ich bei jeder Gelegenheit. Natürlich nur, um zu helfen. Ich bewarb mich bei allen Familien indirekt um die Hand ihrer Töchter. Vorausschauend sozusagen. Ich brachte dem Telegrafisten bei, wie man ausgebrannte Batterien weiter verwenden kann, fachsimpelte mit dem Militärarzt über Grenzkrankheiten…. Ich trank mit den Einheimischen machte aber gleichzeitig klar, dass lange Feste nichts für mich seien. War Schlichter im Streit und Sportsmann im Wasser. Siegreich natürlich! Die Mütter liebten mich, auch wenn mich die Väter immer noch mit leisem Argwohn betrachteten.
An einem heißen Tag im September entschloss ich mich Angela zu heiraten. Ich war auf der Veranda vor meiner Pension eingenickt. Als ich aufsah überquerten zwei Frauen den Markt. Beide waren in das unvorteilhafte schwarz der Trauer gekleidet. Ich fragte die Wirtin nah dem Namen der Tochter und beauftragte sie, mich an meine Heiratsabsichten zu erinnern.
Diese Geschichte trug zu einer Legende bei, die sich durch die Stadt verbreitete. Ich hatte eher die Familie meiner zukünftigen Braut als sie selbst gewonnen. Nach hartnäckigem Werben gab sie mir trotzdem das Ja-Wort. Unsere rauschende Hochzeit sollte der vorläufige Höhepunkt unserer Liebe werden. Drei Tage und Nächte feierte, jubelte und trank das gesamte Dorf mit uns. Ich hatte ihr das schönste Haus am Ort gekaut. Dorthin zogen wir uns am Tag, als der Bischof vorbei fuhr zurück, um die langerwarteten Freuden der Hochzeitsnacht auszukosten.
Es gibt viele Möglichkeiten, Ehre vorzutäuschen, sie wählte keine davon. Als ich sie zu ihrer Mutter zurück brachte gingen wir zu Fuß. Das Dorf sollte nicht schon in der Nacht von ihrer Schande erfahren. Soviel Respekt hatte ich immer noch vor ihr.
Ihre Brüder rächten sich später furchtbar. Aber das ist nicht meine, nicht unsere Geschichte. Sie soll an anderer Stelle erzählt werden. Siebzehn Jahre lang erhielt ich jede Woche einen Brief von der Frau, die für wenige Stunden die meine war. Ich habe keinen einzigen geöffnet. Aber irgendwann war es zu mühsam, ihr Werben zu schmeichelhaft. Wer so kämpft, der liebt wahrhaftig. Also nahm ich ihre Briefe und ging zu ihr zurück.
08.00
Tipp 1
09.00
Tipp 2
10.00
Tipp 3
11.00
Tipp 4
18.00
Lösung
derwahnsinnhateinennamen - 7. Okt, 00:01
Heute und morgen werde ich mal ein kleines Experiment mit den Tipps wagen. Ich verlinke unter dem Rätsel bereits die Tipps und schalte sie im Stundentakt frei. Natürlich könnt ihr jederzeit die Lösungen posten.
Er wollte, dass dieses Seminar ohne Kinder unsere zweite Hochzeitsreise würde. Dabei war unsere Ehe doch schon lange eine bequeme Hülle, in der er sich eingerichtete hatte. Ich versuchte mich lebendiger zu fühlen, wusste, dass er es nicht so meinte. Er, der seine Verletzlichkeit hinter Witzen versteckte. Der dachte, dass er Frauen verstehe und liebte und trotzdem eigentlich nur seine Ängste vor ihnen pflegte.
Er schrieb zu der Zeit an einem Buch über Männer, die sich scheiden ließen. Natürlich ein Sachbuch – Romanautoren belächelte er schon immer. Er wollte sich auch nicht als Autoren bewerben lassen, sondern als Journalisten, der für manche Themen das Medium Buch der Zeitung vorzog. Ein Sachbuch über Gewalt, Frustration und Einsamkeit schwebte ihm vor. Über die männliche Seite des Lebens als Gegenpol zu den ganzen feministischen Betrachtungen der letzten Jahre. Was für ein Journalist bekommt nicht mit, dass ich, seine Frau schon längst innerlich mit dieser Ehe abgeschlossen hatte.
Die Rebellion keimte langsam in mir auf. Vor Monaten schon hatte ich wieder mit dem Rauchen angefangen. Ich hatte mir diesen Genuss wegen ihm versagt. Er verabscheute es. Ich kaute Kaugummi, benutzte Parfum und Dusche, wurde jedoch immer nachlässiger, meine Sünden zu vertuschen. Habe ich gehofft, dass er es an mir riecht oder schmeckt, dass er aus seinem selbst gehäkeltem Kokon gekrochen kommt, und mich wahr nimmt? Mich bemerkt, wenn wir zusammen essen, schlafen und leben? Er hätte es nie mit bekommen, wenn ich auf der Autofahrt nicht einfach eine Zigarette angesteckt hätte. Es ist eine Explosion der Lust. Genuss pur. Sinnlich, aufregend und beruhigend zugleich.
Ich wollte ihn aufpeitschen. Und uns aus dem Alltag reißen. Seine Phantasien mit ihm ausleben. Ich bat ihm, als wir endlich im Bett waren, seine geheimsten Wünsche herauszuschreien. Ich würde sie erfüllen. Einmal wollte ich Sexgöttin, ja Hure für ihn sein. Er verzagte. Ist er so wenig oder können wir zusammen nicht mehr sein?
Ich versuchte mich zu öffnen. Spirituell und sexuell. Ich verriet ihm ein paar kleine Geheimnisse. Aber selbst intime Geständnisse, wie das von meiner Hand in der U-Bahn, dem jungen Mann und der selbst ausgelebten Befriedigung. Gleich. Ohne Tabus. Berauscht von der eigenen Kühnheit und Lust. Sie erschrecken ihn, meine Bekenntnisse, sie erregen ihn. Seine Frau muss effizient, kühl und bewundernd sein. Sie soll von ihm geführt werden. Ein sexuelles Wesen, aber nur unter ihm. Ergebend, genießend, fühlend durch ihn.
Ich versuchte zu locken, zu schockieren, er sollte mich ganz erkennen, nur so kann es weiter ein wir geben. Ich war ehrlich. Diese Episode in der Schule. Von ihm, dem Mann, den er nach dreizehn Jahren Ehe immer noch als Bedrohung empfindet. Beim Abendbrot platzte es aus mir heraus. Nach der unerquicklichen, ja arroganten Literaturdiskussion, nein, nicht über Literatur, über unseren Gastredner. Ich wollte, dass mein Mann ihn liest, da er Frauen versteht. Mein Geständnis war meine Rache auf seine Weigerung. „Weißt du, Rolfsen war clever, er sah sich Mädchen an, und begriff, was sie wollten. Wir trafen uns zwar schon eine Weile. Aber da warst so wenig fordernd. Händchen halten reichte dir. Du warst so verliebt. Ich ging davon aus, dass du dir das andere bei denen holst, in die du nicht verliebt warst. Ich aber wollte nur eins. Entjungfert werden. Koste es, was es wolle.
Alles war im Fluss. Ich verstand meinen Körper nicht, aber alle Grenzen, besonders die, die meine Eltern, wollten gesprengt werden. Ich saß neben dir im Cafe oder Kino und fühlte mich wie eine tickende Zeitbombe. Wenn du meine Hand nahmst und sie in meinen Schoss drücktest, hatte ich Angst, dass du riechen würdest, wie geil ich eigentlich war. Du hast nichts begriffen. Rolfsen schon. Ich habe nur gehofft, dass es mit dir anders sein würde. Mit einem Jungen, den ich liebte. Ich hatte so große Hoffnung.“
8.00
Tipp Nr. 1
9.00
Tipp Nr. 2
10.00
Tipp Nr. 3
18.00
Lösung
derwahnsinnhateinennamen - 6. Okt, 00:04
Wir sind weder alt noch jung, trotzdem haben wir schon einiges erlebt. Sogar zusammen, auch wenn wir das nie wirklich waren. Ich kannte ihn bereits, als er noch auf dem Jahrmarkt gearbeitet hat. Er kam in das Café um einen Feierabendkaffee oder ein Bier zu trinken. Zu dieser Zeit verbrachten die Menschen noch die Zeit nach der Arbeit bei uns. Sie tranken Kaffee, aßen Zimtschnecken und hörten Musik aus der Jukebox. Das ganze wurde mit dem neusten Klatsch gewürzt und allen ging es dabei mehr oder weniger gut.
Die Zeit verging. Ich heiratete und bekam Lennart. Johnny tauchte hin und wieder bei uns auf. Ich sah ihn mal nah, mal aus der Ferne. Er hatte seine eigene Mischung beim Befüllen. Viele legen nur den Kram ein, den die Läden für sie aussuchen, aber Johnny, der mogelte immer ein zwei Singles dazwischen, die er selbst mochte. Vielleicht liefen daher seine Boxen auch besser, als die anderer Aufsteller. Jedes Mal wenn er vorbei kam, um die Eisstiele aus dem Münzwurf zu pulen oder die Mechanik zu ölen wechselte er ein paar Platten aus. Meistens führte seine Tour ihn am Ende des Monats in meinem Café vorbei.
Es gab eine Gratistaste, so dass ich beim Aufräumen immer noch ein wenig Musik hören konnte. Dafür versorgte ich ihn mit übrig gebliebenem Kaffee und fast frischem Kuchen. Es gab eine Zeit, da versank Johnny in seinem Selbstmitleid. Diffuse Abende, ausradierte Nächte, Jukeboxen, in denen alle Plätze mehrfach belegt waren. Irgendwann ließ er dann den Alkohol ganz sein. Vielleicht wegen Kennedy?
Kennedys Tod hat uns alle verändert. Jeder kann dir sagen, wo er an dem Abend war und was er gemacht hat. Egal wie banal es war. Ich war im Café. Ein Mann kam rein, der es im Autoradio gehört hatte. Mir war ganz kalt. Eigentlich komisch. Er war ja nicht mal unser Präsident. Bei uns kann so was unmöglich passieren. Aber das haben die Amerikaner auch mal gedacht.
Um welchen Roman handelt es sich hier? Wer ist unsere Erzählerin?
derwahnsinnhateinennamen - 30. Sep, 00:08
Um welchen Roman handelt es sich? Wer ist unser Erzähler (auch wenn er im Roman keine große Rolle spielt - aber wer macht das schon?)?
Ich habe überhaupt nichts vorgehabt. Jedenfalls sagte ich das der Frau auf dem mit Schellack gestrichenen Schulpult aus Ahorn. Hier sollte man nie etwas vorhaben. Nicht auffallen, nichts sagen, nicht denken. Sie fragte wo ich gewesen war, immerhin hätte sie mich zurückkommen sehen. Ich musste ihr wohl oder übel einen Teil der Wahrheit sagen. „Ich war auf dem Fernen Versammlungstreffen – ich bin aber auf dem Weg zurück in die Schule.“ - Das war ein Fehler. Sie begann sich für mich zu interessieren. „Welches Versammlungstreffen? Wo?“ „Das Ferne Versammlungstreffen – dahinten!“ Ich wurde sofort entlarvt. Die Richtung war falsch. Noch bevor sie etwas sagte erinnerte sich meine Haut schon an die Schmerzen, die sie ertragen würde müssen. Ihre Antwort kam wie eine Pistolenkugel „Lüge. Sechs Stunden Zwangsarbeit. Wache!“
Der Gummiknüppel löste sein Versprechen ein. Rippen, Niere und Hals. Er ist ein wahrer Kommunist. Alle Körperteile sind vor ihm gleich. Magen, Geschlechtsteile… egal ob ich oder nicht die aufgetragene Arbeit erledige. Oder ob überhaupt irgendetwas befohlen wurde. Wer die Contenance stirbt.
Irgendwann wurde ich zur Welthandelsschule K9 zurück gebracht, ob ich schnell ging, oder langsam, die knochenzerbrechenden Schläge kamen mit der Präzision eines Uhrwerks. Alles natürlich nur zu Ausbildungszwecken. So lernen wir die Grundformeln von Schmerz und Furcht – Verhaltensmaßregeln und der Lehrkörper wechseln in willkürlichen Intervallen, damit wir flexibel bleiben. Wir werden sogar dazu ermuntert, ein Verhalten zu zeigen, dass die schwersten Strafen nach sich zieht, wie Entberungen, Unannehmlichkeiten, Lärm, Langeweile – irgendwann werden wir dann zu einer anderen Schule verlegt. Ich weiß nicht, ob wir irgendwann ein Resultat bekommen. So weiß keiner, ob er brillant abgeschnitten hat oder durchgefallen war, ob er versetzt worden war oder zu seiner eigenen Beseitigung marschierte. Halten wir durch, sind wir bestens auf die Welt da draußen vorbereitet.
derwahnsinnhateinennamen - 29. Sep, 00:05
Ich verliebe mich in jeden Kunden. Das macht mich zu einer exzellenten Verkäuferin und einem seelischen Krüppel. Es macht die kräftezehrende, kriecherische Arbeit eines Verkäufers lebenswert. Beim Verkauf geht es um Beziehungen. Wenn du für deinen Kunden nicht nur Respekt sondern Zärtlichkeit und Liebe empfindest, dann kannst du ihm alles verkaufen. Du kannst nicht jeden lieben? Falsch. Denk an die ganzen Frauen, die ihre prügelnden Ehemänner vergöttern, an die Männer, die sich jeden Tag von ihren Gattinnen erniedrigen, an die Teenager, die mit jedem knutschen und doch bei Kerzenlicht „I Will Always Love You“ in feucht glänzende Augen flüstern. Da kannst du doch auch mal die guten Seiten eines egomanischen Arschlochs, dem du im Privatleben am liebsten eine Schaufel über den Kopf gezogen hättest, verklären.
Ich verlasse mich nicht auf Äußerlichkeiten wie Freundschaft oder gar auf die Illusion der Vertrautheit. Wenn du das tust bist du verloren. Gerade noch geht ihr zusammen nen Kaffee trinken und schon siehst du ihn mit dem Sales Manager der Konkurrenz. Nein, ich gehe echte Bindungen ein. Jeder potentielle Neukunde ist wie ein gut aussehender Fremder in einem Nachtclub. Wenn wir miteinander tanzen wird mir ganz schwindelig von den auf mich einstürmenden Möglichkeiten. Wenn er mein Produktangebot ablehnt sterbe ich innerlich tausend Tode. Wenn er oder sie über einen üppigen Auftrag redet, denke ich daran, wie es wohl wäre, zusammen zu ziehen.
Natürlich kann ich das niemandem erzählen. Alles spielt sich hier drinnen ab. Der Stress ist schon so kaum zu handeln. Ich jongliere zurzeit mit achtzehn Beziehungen, manche on- und off, manche fast schon eingeschlafen, wie eine langjährige Ehe, andere im Stadium des kennen Lernens. Und seit Donnerstag habe ich einen heißen Flirt laufen. Casanova war da nichts gegen.
Aber es gibt auch Schattenseiten. Wenn ein Kunde zurückrudert, wenn er beispielsweise die Schulungsstunden, die wir in trauter Zweisamkeit zusammen verbucht haben reduzieren möchte, dann ist es, als würde sich mir ein glühender Dolch ins Herz bohren. Warum will er mich nicht? Warum kann ich ihn nicht halten? Liebt er mich denn nicht? Ich darf nicht klammern, ich darf nicht klammern, ich darf nicht… Die Beziehungsratgeber sind da eindeutig. Männer mögen es nicht, wenn Frauen zu sehr betteln. Sie wollen herausgefordert werden – respektvoll natürlich. Sie wollen gleichzeitig hofiert, manipuliert und ignoriert werden. Nicht einfach, das kann ich dir bestätigen.
derwahnsinnhateinennamen - 26. Sep, 00:08
Mein Dad ist Psychologe, alles klar? Er versteht alles, weiß alles, sieht alles … oder jedenfalls denkt er das. Kein Satz, den er nicht analysiert. Aber nicht so, dass es dir hilft! Nein, dafür müsste ich wohl ein paar hundert Dollar die Stunde raus rücken. Viel lieber quittiert er alles, was ich sage mit einer ironischen Bemerkung. Anschließend bin ich sicher, dass ich das größte Arschloch der Welt bin, und er hat mal wieder gewonnen. Keine Kunst, wenn dir niemand erzählt, wenn ein Spiel beginnt und die Regeln sich mit jeder Sekunde ändern. Das ist nicht dein Problem? Tja, willkommen in meinem Leben.
Wahrscheinlich werde ich irgendwann einen anderen Seelenklempner dafür bezahlen, die Fehler auszubügeln, die mein Dad mit mir gemacht hat. Zum Beispiel streiten wir nicht. Nein, wenn ihm etwas nicht passt sagt er das nie direkt. Zum Beispiel heute: Ich bin in seinem geheiligten Kämmerlein eingeschlafen. Immerhin ist es der einzige verdammte Ort in diesem Haus, wo ich meine Ruhe habe, solange er Patienten hat. Und die gute Deirdre hat er darein bisher noch nicht mitgenommen. Bisher bestand wohl doch noch eine Schwelle zwischen den beiden. Wäre es eigentlich noch ein Masturbatorium, wenn er und sie dort ficken würden? Obwohl ihr Sohn ja dabei war. So krank ist noch nicht mal mein Vater. Es sei denn, es wäre ein Experiment.
Jedenfalls hat er mich erwischt. Statt mich vor allen zur Sau zu machen, wie er eigentlich wollte, überlies er die Blöße lieber jemanden anderes. Er fragte also Deirdre, ob sie meine Fehler erkennen würde: Privatsphäre im väterlichen Raum verletzt, Decke mit verklebten Fransen falschen Zweck entzogen und sträflich zum Zudecken bei unschuldigem Mittagsschlaf missbraucht. Sie sagte, gut dressiert, „ja also, ich weiß nicht!“ Großer Fehler. Nun ging es erst richtig los. Sie solle ihre Gefühle schildern. Das ist der erste Satz, im Klempnerhandbuch „Wie fühlen Sie sich!“ dreimal unterstrichen und mit ein paar Ausrufezeichen.
Mit ein paar Hilfestellungen verstand dann selbst Deirdre mein Verbrechen – auch wenn sie es wohl als minderschwer einstufte. Jetzt hätte ich gnädig sein sollen und den Lernerfolg mit der väterlichen Allmacht kombinieren sollen – danke und tschüss. Aber auch Psychologen haben ein Recht auf Abschaumtöchter samt ihrer Widerworte. Das stellt sie auf eine Stufe mit ihren Patienten. Das zeigt, dass sie auch nur Menschen sind. Er hätte also eigentlich dankbar sein können. So aber wurde ich langsam genauso scheißwütend wie er „das geht dich nichts an, Deirdre!“ Ich fand mich eigentlich ganz schön höflich, wenn man die Situation bedenkt. Was zur Hölle hatten sie und ihre Brut schließlich im XXXtempel meines Vaters zu suchen?
Deidre wurde das ganze augenscheinlich zu ungemütlich. Selbst der stellvertretende Zorn war zuviel an Emotionen. Dads halbherziges „Wollen Sie zulassen, dass meine Tochter sie fertig macht? Wollen Sie ihr Fußabtreter sein?“ konnte sie nicht mehr auf die Spur bringen. Vielleicht war aber auch ihr Bankkonto leer. Soviel Zorn ist anstrengend. Immerhin hatte sie schon eine Scheidung hinter sich.
Jetzt war es auf jeden Fall eine therapeutische Frage zwischen Psychologe und Patientin, ich sollte mich raus halten, weil sie der Meinung war, der Streit zwischen Vater und Tochter ginge nur die beiden was an. Das Widersprach doch dem Allmachtgedanken. Ihr Sohn sagte das einzig wahre: „Ihr seid doch alle verrückt.“ Dem ist nichts mehr hinzuzufügen.
Um welchen Roman handelt es sich hier? Wer ist unsere Erzählerin?
derwahnsinnhateinennamen - 23. Sep, 00:06
Sonny hat mich immer verstanden. Damals schon, als meine Brüder ihn mir vorstellten, hat er meine Zurückhaltung nie falsch gedeutet. Es war, als nähmen wir ein Gespräch auf, das ich schweigend mit anderen geführt hätte. Die anderen hatten meine Scheu immer nur als Verachtung gedeutet. Ich habe nie geflirtet, nie an einen Mann anders als an einen zukünftigen einzigen, lebenslangen Freund und Geliebten, ja Gatten gedacht. Ein Mann der mir bestimmt ist. Und mit Sonny hatte ich diese Mischung aus Leidenschaft, Zuneigung und Achtung.
Wir beschlossen, Kinder zu haben. Zwei Stück. Wir wollten, dass sie gesund und glücklich aufwachsen sollten und eine anständige Chance im Leben haben sollten. Beide kannten wir genug Familien, die durch ihre Größe trotz eines guten Jobs mit Armut geschlagen waren. Beide gaben wir unseren Glauben auf. Die Bedeutung des Lebens liegt – für uns - darin, nützlich zu sein. Uns war lange nicht klar, worin dieser Nutzen für eine Gemeinschaft lag. Sonny hatte es einfacher, er war Lehrer. Kinder, gerade die, die es schlechter als wir hatten, zu unterrichten, war nützlich. Ich studierte in Fernkursen Psychologie. Baby und Will kamen und wir waren glücklich mit unseren auf Raten gekauften Möbeln in denen die Shakespeare Komplettausgabe stand.
Hat seine Haft uns entzweit? Er kämpfte für eine gute Sache. Er kämpfte für die Freiheit und noch mehr für seine Schüler. Als sie, die in eine privilegierte Schule für Schwarze gingen, mit Pappschildern auf dem Schulhof demonstrierten, korrigierte er sie. Er stellte sich zwischen sie und die anderen Lehrer, zwischen sie und den Direktor, zwischen sie und die Polizei… Loyalität mit der eigenen Rasse. Kampf für ein besseres Leben für alle…Auch wenn er im Lionsclub oder bei den Rotariern war. Er hat seinen Kindern die Steine aus der Hand genommen, aber seine Worte flogen viel weiter.
Als er der Held der Strasse wurde hatten sie sein Foto – ausgeschnitten aus der Wochenzeitung, wo er mit seinen Schülern auf dem Marktplatz demonstrierte. Als er versuchte, einige der Kinder aus dem Gefängnis frei zu bekommen musste er seinen Ausweis zeigen – schon hatten sie seinen Namen. Also wurde er entlassen, auch wenn sein Direktor trotz allem für ihn kämpfte.
Wir gaben unser Leben auf und zogen nach Johannisburg. Zuerst arbeitete Sonny in einem Lagerhaus – aber dann hatte er nicht mal dafür noch Zeit. Versammlungen, tagein tagaus. Das hörte auch nicht auf, als er im Gefängnis saß. Ich war sehr stolz auf ihn, obwohl ich nun allein eine vierköpfige Familie durchbringen musste. Da habe ich sie dann auch das erste Mal gesehen. Sie, mit den blonden Haaren, die in meine Küche kam, um mir Trost zu spenden.
Sie sagte, dass sie zwar nichts machen könnte, aber das mein Mann ein Held wäre. Das es Organisationen gäbe, die sich für Menschen wie ihn einsetzten würden. Das die Welt auf unser Land blickt, und unser Justizsystem verurteilt. Sie hat viel geredet. Eine Weiße, die die Welt der Schwarzen verändern will.
Eigentlich durften ihn nur Familienangehörige besuchen, nur familiäre Sachen besprechen. Sonny und sie hatten eine Art Code, den ich nicht verstand. Er verstand sie, da sie ihm die Informationen geben konnte, die er brauchte. Hannah und Sonny. Ich konnte nicht beim ganzen Prozess anwesend sein. Ich war zu der Zeit Sprechstundenhilfe bei einem Arzt. Zwei halbwüchsige Kinder mussten versorgt werden. Sie brachte ihm frisch gebügelte Kleidung und Essen.
Das Gefängnis war hart für mich. Einmal im Monat durfte ich ihm 500 Wörter schreiben. Familienangelegenheiten. „Alles in Liebe von uns allen“ damit schlossen unsere Briefe. Hoffnung und Kampfgeist gab sie ihm.
Ich möchte euch nicht langweilen. Sonny ist längst wieder in meinem Leben. Unser Land hat sich gewandelt. Plötzlich und doch langsam und schwer fällig, wie nun mal Länder sich ändern. Und mit ihm, hat sich mein Mann gewandelt. Ob er uns noch liebt? Ich weiß es nicht. Noch kommt er nach Hause – manchmal nach Stunden, andernfalls dauert es auch Tage. Mein Sohn hat ihn mit ihr gesehen. Meine Tochter hat sich die Pulsadern aufgeschnitten… Er war nicht da. Und nun, da er nicht mehr für unsere Zukunft kämpfen muss, sind wir ihm gleichgültig geworden.
Um welchen Roman handelt es sich hier? Wer ist unsere Erzählerin?
derwahnsinnhateinennamen - 22. Sep, 00:03
Heute bin ich elektronisch nicht erreichbar, da ich auf einer Fortbildung bin. Allerdings ist das Rätsel diesmal auch nicht besonders schwer. Jedenfalls nicht, wenn ihr das Buch gelesen habt oder Tante Google bemüht.
Wie immer suchen wir den Titel, Autoren und den neuen Erzähler. Viel Spaß.
Phil Collins sang direkt vor mir. Ich hätte ihn gerne gesehen. Nicht, dass ich so auf seine Musik stand – aber wann kommt man einem echten Star schon so nah? Aber ich war viel zu nervös, um durch den Vorhang zu linsen. Immerhin war ich direkt hinter ihm dran. Mir war genau gesagt worden, nach welchem Prozedere ich auf die Bühne musste. Wie ich Herrn Gottschalk anreden sollte – immerhin war ich kein Star. Trotzdem war ich natürlich richtig nervös.
Es half auch nicht das geringste, dass ich viel zu dick angezogen war. Als Herr Gottschalk mich mit der Wetterwette vorstellte schwitzte ich schon wie ein Tier. Er muss meine Nervosität gespürt haben – oder er fand mich einfach zu langweilig für die Show. Jedenfalls stellte er mir kaum Fragen. Außer natürlich die, die zur Wette gehörten.
Die ersten vier Fragen waren viel zu einfach. Herr Gottschalk hat mich auch immer viel zu schnell unterbrochen –ich meine, die Früh- und Tageshochtemperatur, das ist ja keine Herausforderung. Bei der zweiten Frage habe ich dann von hintenherum durch die Brust ins Auge, also mit Wolkenformationen, Wolkendichte und Windgeschwindigkeit angefangen. Gefolgt von Bodenreif bereits bei 1300m, dann unterbrach er. Er hätte das doch gar nicht auf seinen Karten. Ich würde ihn in Verlegenheit bringen. Also war ich mal nicht so. Temperatur und Anzahl der Sonnenminuten, das ist doch alles was sie wollen. Das sind die Götzen der Wetter-Normalverbraucher.
Die ersten vier Fragen habe ich souverän beantwortet. Das Publikum in der Westfalenhalle hat getobt. Die fünfte Frage aber, die hatte es in sich. Es war dieser bestimmte Tag. Der Tag, an dem ich Anni das letzte Mal gesehen habe. Ich habe ihren Pullover unter dem Sakko getragen. Den, den sie mir gestrickt hat. Er sollte mir Glück bringen. Deshalb war es auch viel zu heiß. Aber ich habe natürlich nicht nur wegen dem Pullover oder den Scheinwerfern geschwitzt.
Diese letzte Frage, da hatte ich einen echten Blackout. Ich sehe es vor mir: Er sagt das Datum ... und ich weiß nichts. Er wiederholt das Datum. Er sagt noch mal Hochsommer, mehrmals. Und ich stehe nur da und schwitze. Meine Gedanken waren einfach nur bei diesem Tag. Dem Tag vor fünfzehn Jahren, als ich das letzte Mal bei Anni war.
Als Herr Gottschalk mich dann an die Schulter fasste – nun, da bin ich wieder etwas zu mir gekommen. Aber ich war völlig am Ende. Ich bin ihm sehr dankbar, dass er mich gerettet hat. Denn alles, was ich herausbrachte, war: Ein Wetter. Das war natürlich nichts. Und Gottschalk wieder: „Ein Wetter ist ja immer, aber was für ein Wetter, das ist die Frage.“ Und ich wieder nur: Ein Wetter. Und dann sagt er was von wegen, er als Bayer, und dass alle zu ihm sagen werden, alle seine Freunde, dass er ein Preiß geworden sei... Ein Wetter, das ließ er gelten. Obwohl ich ja sonst gar nichts zu der Frage gesagt habe. Keine Temperatur, keine Sonnenminuten, nichts. Nur ein Wetter. Und ich, ich dachte, jetzt weiß jeder, warum ich hier stehe. Ich habe mich so geschämt. Tja, und dann bin ich Wettkönig geworden. Ironie des Schicksals.
derwahnsinnhateinennamen - 16. Sep, 00:07