Nach vier unschuldigen
Weihnachtsfesten im Schoße Hogwarts verlässt Harry ab
Harry Potter und der Orden des Phönix in den Ferien die
Schule. Ein weiteres Zeichen für die Veränderungen in seinem Leben nach Cedrics Tod (
Harry Potter und der Feuerkelch), Voldemorts Rückkehr und dem damit offiziell eingeläuteten Ende von Harrys Kindheit?
Doch fangen wir langsam an:
- Harry Potter und der Orden des Phönix: Harry, Ron und Hermine feiern im Grimmaulplatz Nr. 12, im Hauptquartier des Phönixordens. Die Familie Weasley ist mit Percy zerstritten. Mr. Weasley liegt in St. Mungos, wo die Freunde den größten Teil des Festes verbringen.
- Harry Potter und der Halbblutprinz: Harry und Ron feiern mit der Familie Weasley – inklusive Fleur als neuem Mitglied – im Fuchsbau. Scrimgeour versucht in einer diplomatischen Mission Harry auf seine Seite zu ziehen.
- Harry Potter und die Heiligtümer des Todes: Ron hat Hermine und Harry verlassen. Beiden suchen am Weihnachtsabend Godric's Hollow und sein zerstörtes Elternhaus auf. Sie wollen Barthilda Bagshot befragen. Das Ganze ist jedoch eine Falle. Harry findet nur Barthildas Hülle vor und darf sich erneut mit Voldemort auseinander setzen. Er verliert seinen Zauberstab. Ein Misserfolg ist der Besuch in Godrics Hollow noch dazu, denn Hinweise auf die Horkruxe haben sie scheinbar nicht erhalten (allerdings nimmt Hermine Ritas Dumbledore-Buch mit, was Hinweise auf Grindelwald beinhaltet). (Danke an dieser Stelle an Andrea)
Die Weihnachten in Hogwarts bedeutete immer auch ein Innehalten im Schul- und Handlungsstress. Es werden zwar unauffällig die Weichen für die weitere Ereignisse gestellt, aber dies wird auf den ersten Blick nicht unbedingt deutlich (der Spiegel Negreb, der Ball). Sind in den ersten beiden Bänden die Weihnachtsfeiern noch voller kindlicher Begeisterung trüben erste Auseinandersetzungen (der Streit um den Feuerblitz und die Eifersucht Rons auf Viktor bzw. Harry auf Cedric) die Freude. In den Bänden fünf bis sieben verschärfen sich die Konflikte. Der Zauber von Weihnachten verliert in der wesentlich dunkleren Atmosphäre nach Voldemorts Rückkehr viel seines kindlich unschuldigen Charmes.
Die Elemente einer normalen Weihnachtsfeier (Festmahl, Geschenke, gutes Essen) werden zwar noch erwähnt, sie üben aber weder auf Harry noch auf den Leser den Zauber vergangener Weihnachten aus. Die traditionellen Elemente nehmen immer mehr ab. Zwar sind die jeweiligen Orte geschmückt, wenn auch dilettantische als die große Halle – herrlich, die mit Lametta behängten Gemälde von Sirius Vorfahren oder der versteinerte, vergoldete Gnom an der Spitze des Tannenbaums im Fuchsbau - doch schon das Festmahl lässt zu wünschen übrig. Wird es in
Harry Potter und der Orden des Phönix nicht einmal erwähnt, dürfen Harry und Ron in
Harry Potter und der Halbblutprinz Rosenkohl putzen. Dies sieht nach einem traditionellen englischen Weihnachtsessen aus (Rosenkohl, Bratkartoffeln und Truthahn, Roastbeef oder Gans). In
Harry Potter und die Heiligtümer des Todes findet keine Feier im eigentlichen Sinne mehr statt.
Bei den Geschenken geht es im
Orden des Phönix überraschend praktisch zu: Zauberbücher über defensive Magie und ein Hausaufgabenplaner neben den üblichen Süßigkeiten. Ein Zeichen für das Erwachsenwerden Harrys, der sich am Meisten über die Unterstützung bei der DA freut? Harry hat Angst, dass er von Voldemort besessen sein könnte. Daher versucht er sich von allen Freunden fern zu halten. Gleichzeitig glaubt er, von ihnen gemieden zu werden. Erst Hermine kann beide Seiten zu einer Aussprache zwingen. Hier zeigt sich das, den ganzen Roman durchziehende Motiv der inneren Zerrissenheit Harrys: Seine eigene Unsicherheit und Unzufriedenheit projiziert er auf seine Umgebung. Das führt zu einer mühsam unterdrückten Wut, die sich bei jeder Gelegenheit ihre Bahn bricht. Die Geschenke wertet er daher als Zeichen, von seinen Freunden akzeptiert zu werden. Daher beschwert er sich, im Gegensatz zu Ron, auch nicht über Hermines Binsenweisheiten zitierenden Hausaufgabenplaner. Im
Halbblutprinzen werden nur noch die Geschenke der Weasleys erwähnt. Mit einer Ausnahme
Kreachers hat Harry liebevoll eingepackte Maden verehrt, die seine Begeisterung über den neuen Herren ausdrücken. Hermine feiert zum ersten Mal nicht mit den Freunden. Sie und Ron befinden sich in einem Kleinkrieg aus Gefühlen und Verletzungen, in dem es nur Verlierer gibt.
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Interessant auch hier der berühmte Weasley Pullover – das alljährliche, selbst gestrickte Geschenk von Mrs. Weasley für Familienangehörige. Percy, frisch mit der Familie zerstritten sendet den
Liebesbeweis kommentarlos zurück. Fleur, die Verlobte von Bill, erhält als einziges Familienmitglied keinen Pullover. Ein Zeichen für die verzweifelten Versuche, die Heirat der beiden zu verhindern. Wie wir wissen ergebnislos. Erst viel später, als Mrs. Weasley klar wird, dass Fleur Bill auch entstellt und als Werwolf liebt, kann sie sie als Schwiegertochter akzeptieren.
Beide Feste sind von anderen Ereignissen überschattet. Die Weasleys ist von Percys Loyalität gegenüber dem Ministerium und damit verbundenen Abkehr von der Familie tief verletzt. In
Harry Potter und der Orden des Phönix ist außerdem noch das Familienoberhaupt in St. Mungos. Arthurs Wunden wollen sich nicht schließen. Harry, Hermine und Ron treffen hier auf ihren ehemaligen Professor
Gilderoy Lockhart, der dank des
missglückten Gedächtniszaubers den Verstand verloren hat, und immerzu Fotos signiert. Viel beängstigender ist jedoch eine Begegnung mit Neville und seiner Großmutter. Die beiden besuchen Nevilles Eltern, die von
Bellatrix Lestrange mit dem Cruciatus-Fluch gefoltert wurden. Beide haben den Verstand verloren. Diese Begegnung zeigt den Freunden, wie gefährlich der Kampf gegen Voldemort ist. Die Arbeit von
Dumbledores Army verliert damit den Charakter der Teenagerrebellion. Die Weigerung des Ministeriums, den Kindern wirksame Defensivzauber beizubringen erscheint nicht mehr nur grob fahrlässig. Den Freunden wird ihre Verantwortung bewusst. Außerdem beginnen sie Neville (nebenbei einer der Charaktere, die sich im Laufe der Romane am Stärksten entwickelt hat) zu verstehen.
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Im sechsten Band ist es nicht mehr Percys Abwesenheit, die die Weasleys verstört, sondern sein plötzliches Auftauchen. Er lässt sich vom neuen Zaubereiminister Rufus Scrimgeour für eine diplomatische Mission missbraucht. Dieser lässt Harry gegenüber keinen Zweifel darüber aufkommen, dass er nicht an Harrys Rolle im Kampf gegen Voldemort glaubt. Er braucht ihn jedoch als Symbol für die Zaubererwelt – ein Strohmann für die Öffentlichkeitsarbeit – und um seine Position als Gegenpol zu Dumbledore zu stärken. Harry lehnt ab. Er macht seine Position als Dumbledores Mann klar, obwohl er weiß, dass seine Haltung Konsequenzen haben wird.
Zusammenfassend kann man sagen, dass zwischen dem pubertären, zornigen Teenie im fünften Band und dem leidenschaftlichen, heißblütigen im sechsten ein riesiger Unterschied besteht.
Im siebten Band ist Heiligabend nur noch eine schöne Erinnerung, der Hermine und Harry gedenken, als sie Godrics Hollow betreten. Beide haben über die Suche und den Streit mit Ron das Datum aus den Augen verloren. Harry hat mit dem Streit und dem Weggang von Ron nicht nur seinen besten Freund sondern auch seine Ersatzfamilie, die Weasleys verloren. Er ist von Schuldgefühlen zerfressen, da Hermine stumm leidet. Die Spur führt zudem in eine gut getarnte Falle. Dieses trostlose Weihnachten ist ein Symbol für die Hoffnungslosigkeit des Unerwünschten Nummer 1. Harry beginnt an sich, seiner Mission und an seinem Mentor Dumbledore zu zweifeln.
Die Feierlichkeiten verändern in einer Welt der Unsicherheit bzw. des Terrors nach Voldemorts Rückkehr sich ebenso wie das übrige Leben. Freunde und Verwandte sind verletzt oder schweben in Gefahr. Außerdem sind alle beteiligten älter und erwachsener geworden. Damit lässt auch der Zauber, den Geschichten und Geschenke verbreiten nach. Auch in
Harry Potter und der Orden des Phönix bzw. in
Harry Potter und der Halbblutprinz wird der Handlungsverlauf kurz für ein paar besinnliche Momente mit Geschenken unterbrochen. Trotzdem nehmen die Feierlichkeiten weder den Raum noch die Bedeutung (auch für Harry nicht) wie ihre Vorläufer in früheren Bänden ein. J. K. Rowling setzt im Laufe ihrer Werke sich steigernde Contrapunkte gegen die Weihnachtsstimmung (Begeisterung - Streit wegen gut gemeintem Petzen - Eifersuchtsdrama - Konsequenzen des Widerstands (Verletzung und Wahnsinn) - politische Schachzüge, die auch vor der Familie nicht halt machen). Dieses Szenario wird in
Harry Potter und die Heiligtümer des Todes noch gesteigert. Die
Feier findet in Godric's Hollow und damit auf einem Friedhof statt. Eine wunderbare Ironie - das erste Fest seit Jahren mit seinen Eltern (erneut: Dank an Andrea). Harry wird beinah ermordet. Er verliert außerdem seinen Zauberstab nach dem scheinbaren Verlust seines besten Freundes (erneut Eifersucht) ein weiterer harter Rückschlag auf der Suche nach den Horkruxen. Zwar erhalten er und Hermine durch die Biografie von Rita Kimmkorn (!) erneut wichtige Hinweise, dies führt jedoch gleichzeitig zu einer innerlichen Zerreißprobe von Harry, der zum ersten Mal mit Fehlern und Charakterschwächen seines toten Vorbilds Dumbledore konfrontiert wird.
Ich möchte abschließend festhalten, dass die Ereignisse in der Muggel- und Zauberwelt Harry einholen. Egal, ob es Weihnachten ist oder nicht. Mit dem Ende des siebten Bandes und dem Fall von Voldemorts Schreckensregime könnten Harry, Hermine und Ron also wieder fröhlichen und unbeschwerten Festen entgegensehen. Sollte J. K. Rowling uns doch noch eine Fortsetzung bescheren, hoffen wir auf viele fröhliche Weihnachtsfeiern im Hause Weasley Jun. und Potter.
Quellen:
J. K. Rowling: Harry Potter und der Orden des Phönix
J. K. Rowling: Harry Potter und der Halbblutprinz
J. K. Rowling: Harry Potter und die Heiligtümer des Todes
Harry Potters Weihnachten in Hogwarts (Band 1-4)
derwahnsinnhateinennamen - 25. Dez, 00:09