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Bücher

Freitag, 27. November 2009

Einer von vielen - oder we're all connected

Norbert Zähringer verwebt in Einer von vielen die Leben unzähliger Figuren. Ein Jahrhundert und drei Kontinente bereisen wir, werden Zeuge eines Erdbebens in Japan, dem zweiten Weltkrieg, den Anfängen des Tonfilms ... Ähnlich wie Pynchon erzählt Zähringer weder linear, noch behält er die Perspektive bei. Es gelingt ihm den Tragödien der Menschheit stets noch eine komische Seite abzugewinnen, wie als er einen seiner beiden Hauptprotagonisten in einer Filmcrew in Schottland den Angriff auf Berlin nachdrehen lässt und diese, als ein anderer Regisseur schneller ist, einfach regulär fliegen lässt (mit den gewohnt tödlichen Konsequenzen).

Zwar ist das Ende ein wenig zu sehr happy, bis dahin überraschen aber fast alle Wendungen. Der Schreibstil ist rasant und ausgesprochen visuell. Die Ideen erinnern an den frühen T.C. Boyle. Die knapp 500 Seiten habe ich an einem Abend (OK, inklusive Nacht) weg gelesen, so fasziniert war ich vom Schicksal der Charaktere.

Egal ob die Geburt in einer Hippiekommune, den Poolreinigungsjob in der verwaisten Hollywoodkulisse oder die Frage, warum es ihm nur in Momenten der Überrumpelung gelingt, ein Koan zu lösen, Edison Frings ist eine faszinierende, sehr naive Figur. Sein Gegenpart im modernen Berlin, Siegfried Heinze, dessen Vater das erste Opfer des Serienmörders wurde, wird deutlich mehr in der aktuellen Zeit - Berlin nach dem Fall der Mauer - thematisiert. Beide teilen den Verlust des Vaters, der wahrscheinlich nicht der biologische Erzeuger war.

Die zahlreichen Anspielungen, wie z.B. die Decknamen, die eine der Nebenfiguren, Kommisar Mauser bei seinem Rettungsversuch eines jüdischen Jungen einer Heftchenromanserie, Cameos von Ronald Reagan oder entlehnte Figuren wie Howard Hughes, dazu ein paar Klassiker der Filmgeschichte (Die Brücke, Casablanca, Dieb von Bagdad) lassen den Leser genüsslich auf der Metaebene mitdenken.

Zähringer versucht in seinem Roman die These zu beweisen, dass jeder Mensch mit jedem anderen über bis zu sechs Menschen verbunden ist, es kennt nur niemand die Schnittstellen. Dem setzt er den Totalitarismus zweier Systeme und die Naturgewalten entgegen, die nur der Gipfel des Zufalls und der Willkür darstellen, die das Leben der Protagonisten bestimmen.

Einige Wendungen mögen etwas konstruiert sein, dem Lesevergnügen tut dies keinen Abbruch. Bisher eines der Bücher, die mir 2009 am Besten gefallen haben. Einziges Manko: Das Cover! Wer auch immer für die Auswahl verantwortlich war, er hat dem Autor keinen Gefallen getan.

Cover Einer von Vielen via abebooks.de


Zähringer, Norbert
Einer von vielen
486 Seiten
ISBN 978-3498076641
22,90 €

Dienstag, 24. November 2009

Die Vergangenheit ist ein gefährliches Land

Giorgio ist der perfekte Sohn, Jura Student, verlobt mit einer Frau aus gutem Hause, die Medizin studiert. Doch kurz vor dem Examen bricht er aus der perfekten Langeweile aus. Durch einen Zufall gerät er an Francesco, der ihn in die Welt des Falschspiels einführt. Seltsam passiv gleitet er von nun an ständig bergab.



Gianrico Carofiglio schafft es in seiner Charakterstudie des schwachen Giorgio dramatisch zu verdeutlichen, wie eine bürgerliche Existenz zu Grunde gehen kann. Mit einem gewissen Zynismus analysiert er seinen eigenen Selbstbetrug zwischen Geld, Frauen oder einfach nur dem Kick der Gefahr. Der Student ist in seinen beiden Leben erschreckend passiv. Zwar will er Abenteuer erleben - und lässt sich deshalb auf Francesco ein - doch auch dort läuft er diesem nur hinterher. Ironischerweise eröffnet die erste aktive Handlung sein neues Leben während die zweite es beendet.

Während die Geschichte um Giorgio und Francesco den Leser gefangen nimmt fällt der zweite Handlungsstrang um Tenete Chiti, der einen Serienvergewaltiger zu fangen versucht, stark ab. Die Figur des Migräne geplagten Polizisten, der von seinem Vorgesetzten unter Druck gesetzt wird ist ein Klon unzähliger anderer Polizeiermittler. So ist auch schnell klar, um wen es sich bei dem Verbrecher handeln muss.

Carofiglios literarische Charakterstudie mit ihrer harten Kritik an der italienischen Gesellschaft in den 80ern weiß jedoch insgesamt trotz kleiner Mängel zu gefallen.

Carofiglio, Gianrico
Die Vergangenheit ist ein gefährliches Land
Goldmann
ISBN 978-3442311835
19,95 €

Dienstag, 17. November 2009

Das Grab ist erst der Anfang

Eine kleine Warnung am Anfang: Dieser Artikel enthält massive Spoiler.



Kathy Reichs Romane sind immer eine Überraschung: Mal im positiven, mal im negativen Sinne. Billigt sie ihrer Hauptfigur Temperance Brennan Leistungen auf konstant hohem Niveau zu, schwanken ihre Romane zwischen gutem Durchschnitt und hervorragenden Krimis. Das Grab ist erst der Anfang ist leider kein Höhenflug. Erschreckend ist, dass eine Stärke des Vorgängers, die exzellente Weiterentwicklung der Hauptfigur, vollkommen einer Mission zum Opfer fällt: Der Leistungsstandard der forensischen Anthropologie in Amerika kann nur durch Prüfung und Aufnahme in Fachverbänden gesichert werden. Ich denke auch, dass Reichs mit diesem Statement recht hat. Der Alltag in einem forensischen Labor hat mit CSI ungefähr soviel zu tun, Highschool Musical mit der Rütli-Schule. Statt dessen empfinde ich Dankbarkeit, denn nun weiß ich, das die Tagesabläufe eines forensischen Anthropologen um vieles öder sind, als mein Job: Sie scheinen stundenlang Knochen bzw. Zähne zu sortieren, fotografieren und Berichte darüber auszufüllen. Ich verstehe, dass weder Bones noch CSI das zeigen will.

Für Charakterzeichnung ist da kein Platz mehr: Fast alle Menschen, die nicht von Brennans Charme eingenommen sind, wollen nicht weniger als die Weltherrschaft sie vernichten eigentlich schon ziemlich schmeichelhaft, für wen sie alles eine Konkurrenz ist. So lernen wir zwar, das Brennan als Kollegin ziemlich unausstehlich ist (sie mag keine "Weicheier", hat keine Lust mit den Kollegen über Persönliches reden, lässt die neue Kollegin nicht an einer Obduktion teilhaben, bei der sie etwas lernen könnte)... Das macht aber nichts, da alle, zu denen sie unfreundlich ist, sich als absolut und abgrundtief böse und skrupellos herausstellen Gott schütze die Welt vor den Kapitalisten und Hobbyarchäologen:

Spoiler

Die Kollegin fälscht Proben, um besser da zu stehen sie hätte ihre Chance doch bestimmt in ein paar Jahren bekommen, wenn irgendjemand sie mal zu einer interessanten Obduktion mitgenommen hätte - Ehrgeiz, als Todsünde, der zart besaitete Kollege der auch keine Lust hat über Privates zu plaudern und dem ein Keks als Wiedergutmachung nicht reicht hat weder Probleme mit Abwasserrohren noch mit Mordabsichten.

Zwar führt Reichs noch einen weiteren Kandidaten als möglichen Entführer ein, jedem kundigeren Krimileser ist jedoch nach ca. 50 Seiten klar, wer sie ins Grab gebracht hat. Da wir auch wissen, das sie nicht sterben wird - Gesetz der Serie - ist damit dieser Handlungsfaden leider vollkommen unspektakulär.

Zum Glück ist der zweite Plot um die vier toten älteren Frauen solide. Die Lösung ist zwar nicht spektakulär, aber Ryan hebt seine Superbullenfähigkeiten für den Schlussakt und damit die glorreiche Rettung auf, so dass wenigstens er nicht nur privat, sondern auch beruflich fehlbar und menschlich wirkt.

Klasse ist dagegen die Familienszene, als Ryan und Brennan bei Petes Familie die Feiertage verbringen und der smarte Detektive eine kanadische Version eines Waltons spielt. Die Story um den verschwundenen Soldaten ist zwar ein wenig unglaubwürdig (Brennan stößt nicht nur auf einen Fehler der allgegenwärtigen Kollegin, nein, allein schon das Szenario, das sie eine Behörde in einem anderen Bundesstaat betritt und die sie mal eben so an alte Überreste lassen (Zuständigkeiten? Und wer übernimmt die Verantwortung, wenn sie falsch liegt?), die sie bearbeitet, und das die richtigen Überreste zufällig herum liegen - bitte?)

Licht und Schatten also. Ein Krimi für Fans, die wissen wollen, wie es um Ryan und Brennan weiter geht oder um Krimineulinge, die sich von ein bisschen Katzenkot noch von der Spur abbringen lassen.

Reichs, Kathy
Das Grab ist erst der Anfang
Blessing
384 S.
ISBN 3896673237
19,95

Freitag, 13. November 2009

Try walking in Jacob Blacks Shoes...

Bei Biss zum Morgengrauen konnten wir dank Stephenie Meyers Outtakes die Geschichte aus Sicht von Edward wenigstens teilweise neu erleben. Leider ist das entsprechende Kapitel bei New Moon aus der Sicht von Jacob Black längst nicht so witzig, aber trotzdem eine nette Einstimmung auf den 26.11., oder?

Übrigens bringt Femal Force pünktlich zu Weihnachten ein biografisches Comic zu zu Stephenie Meyer hinaus, die Kritiken sind bisher vernichtend.

Mittwoch, 11. November 2009

Schuldgefühl und Todessehnsucht

gehen bei Jenna Hand in Hand. Seit dem Autounfall, den sie nur knapp überlebte. Im Gegensatz zu ihrer Mutter. Die liebevollen Annäherungsversuche ihres Onkels und der Tante, die mehr oder weniger vorsichtig vorgetragenen Hilfeangebote - alle weißt sie brüsk zurück. In allen Blicken glaubt sie Mitleid oder Verdammung zu lesen. Und so flüchtet sie vor sich selbst und anderen in Alkohol, Medikamente und zu Freunden, die keine Fragen stellen.

Joyce Carol Oates konzentriert sich in diesem Jugendbuch einzig auf die Hauptfigur Jenna. Ihr Kampf zwischen Todessehnsucht und Überlebenswille wird beeindruckend dargestellt, da die Entscheidung lange Zeit offen bleibt. Jenna stilisiert ihre Mutter nach deren Tod zur Ikone. Die Verletzungen des Vaters ihr selbst gegenüber treten - unverarbeitet - in den Hintergrund. Lediglich der Wille, einen Menschen nie wieder so nah an sich heran zu lassen bringt sie wie ein Mantra durch den Tag. Dabei werden die Hilfeschreie gegenüber ihrer Umwelt immer lauter, die Hilfeangebote, kann sie allerdings erst nach einem totalen Desaster in Anspruch nehmen.

Das Happyending ist wohl dem Genre geschuldet (und ziemlich vorraussehbar), aber bis dahin war es ein faszinierendes Jugendbuch.

Oates, Joyce Carol
Nach dem Unglück schwang ich mich auf, breitete meine Flügel auf und flog davon
Hanser
2008
ISBN 978-3446209862
16,90

Mittwoch, 28. Oktober 2009

Vier Äpfel

Ein Mann kauft ein. Obst, Honig, Aufschnitt, Wachmittel ... zu allen Produkten fallen ihm Anekdoten, die er erlebt, gelesen oder gesehen hat ein. Assoziativ verknüpft 1000 Gedanken seines Protagonisten, der seine Zeit im Supermarkt tot schlägt, um nicht nach Hause zu müssen. Ein großes Kind, das sich von jedem Geruch, jedem Eindruck ablenken lässt. Konsumverhalten als Lebenssinn in einer Welt, die die da draußen zwar abbildet, ihre Geschöpfe aber dennoch vor zu menschlicher Nähe schützt.

Vier Äpfel, Cover via Amazon

Wir erfahren in diesem ereignislosen Roman viel über den Protagonisten, seine Sicht der Welt, seine verflossene Beziehung, seine Bindungsängste, seine Kindheit ... wir bewundern den Stil, die Verknüpfungen und irgendwann, so ab Seite 100 beginnen wir auf das Ende hin zu schielen. Allerdings dauert es noch knapp 50 Seiten, bis der Protagonist endlich der Frau mit dem Sommerkleid, unter dem sich der BH, aber kaum der Slip, pardon die Unterhose, denn Slip sagt die verflossene L. ja nicht, zeigt, zur Kasse folgt. Die hat zwar nicht den idealen Inhalt des Einkaufswaren, aber wir sind doch sehr froh, als alle die entscheidende Unterschrift unter den Kassenbon gesetzt haben - schließlich hätte Wagner seinen Helden ja auch für ein Großfamilie einkaufen lassen können, das hätte noch ein paar Schleifen durch den Supermarkt und bestimmt 300 Seiten mehr bedeutet. So verlassen wir den geschriebenen Kunstfilm, der uns einmal mehr, wenn auch streckenweise unterhaltsamer, die Nichtigkeit des Seins und die Kritik an mexikanischem Honig mit schweizer Alpenbild vor Augen geführt hat, und lassen Wagners Protagonisten mit dem Wissen anheim, etwas für den Literaturkritiker in uns und zur Beweihräucherung unserer Künstlerseele getan zu haben. Denn nun, habe ich für mein Teil einfach nur Lust auf einen völlig unliterarischen Krimi.

Wagner, David
Vier Äpfel
Rowohlt Verlag
158 S.
ISBN 3498073680
17,90

Montag, 26. Oktober 2009

Atemschaukel

Sie kommen mitten in der Nacht und holen ihn ab. In verplombten Wagons werden sie nach Russland gefahren: Er und alle anderen rumänischen Deutschen zwischen 17 und 45 - Rumäniens Buße für den Faschismus.

Die Erinnerungen des Lyrikers Oskar Pastior an seine fünfjährige Ehe mit dem Hungerengel, die in Zeit seines Lebens begleiten werden, bilden die Grundlage für Herta Müllers Roman Atemschaukel. Eigentlich sollte es ein gemeinsamer Text werden - Pastiors Tod 2006 verhindert es.

Müller nähert sich dem Grauen des Lagerlebens mit den vier Säulen Hunger, Kälte, Schwerstarbeit und Willkür voller Poesie. Sie um fließt das kollektive Grauen wie ein Schutzschild und billigt dem Einzelnen Reste von Individualität und Würde zu. So ordnet der Protagonist Leo Lagerbereichen Gerüche zu, die er allein isst, denn im Hunger ist jeder für sich allein. Und so zeugen alle Zeilen von der unglaublichen Einsamkeit in der Masse, die für nichts, außer Hunger und Heimweh noch Gedanken übrig hat. Müller selbst will keine harten Fakten beschreiben, keine Auswege aufzeigen, es geht ihr um eine Geschichte, eine Herangehensweise ans Überleben, das Möglicherweise auch nur für einen Funktionieren kann. Die Hommage an ihren Freund ist gelungen. Nicht zuletzt seine Sprache meint man aus vielen Metaphern heraus zu lesen. Das der begnadete Dichter innerlich verstummt und die mitgebrachten Lyriksammlungen ungelesen als Zigarettenpapier für Zucker und Salz eintauscht offenbart die Realität deutlich. So bröckelt der poetische Schutzschild immer wieder. Die feinen Risse der Todesangst, der Heimatangst, der Angst des Ersetztwerdens durch den kleinen Bruder, selbst ein Lagerkind, die Angst vor der Entlarvung der Homosexualität, die den eigenen Körper, längst durch den Hunger zum Neutrum geschrumpft, zur tödlichen Gefahr macht - sie alle verblassen zwar vorm allgegenwärtigem Hunger und der Kälte, aber sie lassen Bilder des Grauens im Leser entstehen, der oft für die Poesie dankbar ist, da sie ihm eine Fluchtmöglichkeit offen lässt.

Müllers Sprache ist so reich an Metaphern, das sie an manchen Stellen schon fast überfordert. Ihr Fazit ist ernüchternd, es gibt keinen Ausweg im Leben, Fliehende werden gefasst, selbst der Tod verweigert die transzendente Erlösung. Damit geht Müller einen Schritt weiter, als bei ihrem letzten Roman Herztier - in der Diktatur ist der Tod ein Ausweg, den das Lager verweigert.

Ein beeindruckendes Buch, für Menschen, die Poesie zu schätzen wissen.

Müller, Herta
Atemschaukel
Hanser
ISBN 9783446233911
19,90 €

Freitag, 23. Oktober 2009

Wie wir verschwinden

Zwei Jungen träumen: Sie wollen sich aus der Enge ihres Provinzdorfes in den 60ern befreien und reparieren in jahrelanger Kleinarbeit eine Draisine. Am Tag des Ereignisses zerbricht die Freundschaft: Maurice spannt Raymond die Freundin aus. Der Unfall (und Tod) des berühmten Schriftstellers Camus, dessen Zeuge sie werden, verschwimmt in dem traumatischen Ereignissen.

Wie wir verschwinden Cover

Mirko Bonné erzählt seine Geschichte von Rivalität, Verrat und Freundschaft, Trauer und Schuld. Maurice, todkrank, versucht mit seinem alten Jugendfreund Kontakt aufzunehmen. Der erfährt erst dadurch von dem späteren erneuten Verrat (Maurice schrieb seiner Frau und widmete ihr alle Bücher). Gleichzeitig entfalltet sich ein vielschichtiges Familiendrama.

Wie wir verschwinden fängt ausgesprochen behäbig an. Die erste Hälfte plätschert vor sich hin. Es passiert wenig, was an sich nicht schlimm wäre, aber das es dem Leser so auffällt, ist ein Zeichen von Schwäche. In der zweiten Hälfte, ja im letzten Drittel nimmt er dann furios an Tempo auf. Die Sprache verdichtet sich, Handlung und Stil ziehen gleich.

Das Leben, aus dem sich Raymond eigentlich schon lange vor seinem ersten Herzinfakt verabschiedet hat holt ihn nun ein. Auch wenn die Liebesgeschichte mit seiner Nachbarin ein wenig zu viel des Guten ist, ist das Happy End nicht überzogen. Die Versöhnung anhand des Todes ist frei von Klischees meisterhaft geschildert.

Ein Buch für Langstreckenläufer, wer die erste oft fade Hälfte überstanden hat, wird belohnt. Für den Buchpreis etwas wenig, trotz der Mystik des Camus-Unfalls.


Bonné, Mirko
Wie wir verschwinden
Schöffling & Co
ISBN 978-3895614033
19,90 €

Dienstag, 20. Oktober 2009

Die Stille

Reinhard Jirgls Stille ist laut. Sein Schreibstil löst Bedeutung und Wort auseinander, legt Konnotationen frei, deren im Raum schweben wir im Laufe der Zeit längst vergessen haben. Seine Sätze gewinnen, laut ausgesprochen, neuen Sinn. Neben der Lautmalerei gehört auch der Textkörper zum Gesamtkunstwerk, den Jirgl moduliert indem er typographisch spielt.

Cover Stille

In Stille erzählt er anhand von 100 (nicht abgebildeten aber beschriebenen) Fotos die Geschichte zweier Familien. Seine Hauptfigur ist ein alter, zynischer, beziehungsunfähiger Mann, der das gescheiterte Verhältnis zu seinem Sohn hinterfragt, der, kurz vorm Auswandern den Familienhund noch mal zu sehen wünscht. Familiengeschichte, Inzest, Schuld, Krieg, politische Umwälzungen, fast lapidar werden Ereignisse in den Strudel der Betrachtungen geworfen und entziehen sich wieder. Ein suspektes und verschrobenes Kaleidoskop ohne Identifikationsfiguren.

Dokumente, wie Stammbäume, Soldbücher, Urkunden ergänzen das Bild, das sich dem Leser nur widerwillig erschließt. Der Lesefluss entsteht nur mühsam, ja, es dauerte immer mindestens 20 Seiten, bis ich in der Geschichte ankam, nur um mich ihr wieder zu entreißen - immerhin ist die Handlungsebene nur ein kleiner Teil des Gesamtkunstwerks.

Leseprobe:

Wobei von Beginn zu reden falsch wäre - du hattest längst von dir begonnen, Henriette; auch du wurdest begonnen, denn niemand hat Dabei die Freiwahl, am letzten du=selbst. So wurdest du begonnen, wie sämtliche unserer Vorfahren begonnen wurden von jener unbefragt laufenden Maschinerie-des-Fleisches, die nur dann auf sich & ihr Wirken aufmerksam macht, sobald ebendies Wirken kein Resultat bringt & der Kinderwunsch 1 Wunsch bleibt. Dann ergreifen Ver-Störung, Trauer, Ratlosigkeit die Fleische's Besitzer. Aber sie machen weiter, mit jener Versessenheit, die 1 Wahrheit nicht wahrhaben will. Weitermachen -=was ?sonst- : und wenn schließlich aufs Weitermachen !endlich 1 Resultat erfolgt, dann stehen die Macher da: in 1 Landschaft wie jener auf diesem 1 Photo, Landschaft der wintermüden Bäume&sträucher, 3 Halmafiguren im steifen Panzer gegen den äußeren Frost. 1 Spiel zwar gewonnen, doch glücklos. Weil sie zumindest ahnen: Das ist Es nicht -.- Ja, doch ich Damals, als du mir dieses Photo zeigtest, dir nicht sagen, was ich dir erst Heute sagen könnte wärst du hier (er, mein "Sohn", hat ja recht: Die Familie=Macke, der Webfehler im genealogischen Stoff): Zu Fehlern & Macken gehören auch die zu spät ins Eheleben gekommenen Kinder - solche wie du, Henriette, im vierzehnten Ehejahr geboren, zu spät um genau Diesejahre im hoffnungsvoll=kleinbürgerlichen Gehege, Mathildenburg Krämerladen Haus&garten, für 1 Kind überall Nischen Ecken Verstecke im Zwielicht, um von-dort heraus zu lauschen & und zu linsen mit dem gespannten & schon zu Frühenjahren verwöhnten Kleinmädchenblick, der glatten Ponyfrisur, - denn es liegt ein stockiger Geruch des peinlichen Verschämten u des Unziemlichen über solchen Ehen mit zu späten Kindern, als wären sie die Folge entweder einer Turnübung (die Frau nach dem Erguß Unterleib & Beine hoch drinbliebe & anschlage was der Herr gesäet) od schlichtweg Fazit eins Verkehrs-Unphalls mit Kindsfolge : dein Gesicht, Henriette, von-jeher ins Mienenspiel des Frühwissens getaucht, jenes zeitlos machende Aussehen zu alt geborener Kinder, die entweder immer- jung od niemals-jung-gewesen aussehen, etwas Ausderzeigerutschtes, das in seiner eitlen Verwöhntheit in keinem Verhältnis steht zum wirklichen Alter [...] (S. 241f)

Der Protagonist erlebt den Fluch die Geschichte der Väter zu wiederholen und erneut einen Sohn zu zeugen und ins Unglück zu stürzen und so nicht nur die Familiengeschichte sondern auch die wechselnde Verstaatlichung der verschiedenen Systeme, sei es NS oder DDR, in endlosen Zyklen wieder zu erleben. Und so nimmt eine blutige Geschichte ihren Lauf.

Jirgls Roman ist ein Ungetüm, oft zäh, an manchen Stellen erstaunlich, insgesamt sperrig. Wer ihn bezwungen hat, empfindet einen gewissen Stolz, in mir erschleicht sich der Verdacht, dass dies ein Grund für die vielen positiven Rezensionen ist. Über Stille lässt sich ungleich leichter reden, als ihn zu lesen. Ich für mein Teil halte ihn für überschätzt. Den beharrlich Neugierigen sei er dennoch, gewissermaßen als Überprüfung der eigenen Intellektualität, ans Herz gelegt.

Jirgl, Reinhard
Die Stille
Hanser
978-3446232662
24,95

Freitag, 16. Oktober 2009

R.I.P.

Stuart M. Kaminsky ist am 09.10. verstorben. Vielen wird seine Serie um den jüdischen Chicagoer Cop Abe Lieberman ein Begriff sein.

Stuart M. Kaminsky

Er schrieb allerdings auch zahlreiche Biografien und Drehbücher für Fernsehen (CSI N.Y.) und Film.



Credits: Buzzati
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