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Atemschaukel

Sie kommen mitten in der Nacht und holen ihn ab. In verplombten Wagons werden sie nach Russland gefahren: Er und alle anderen rumänischen Deutschen zwischen 17 und 45 - Rumäniens Buße für den Faschismus.

Die Erinnerungen des Lyrikers Oskar Pastior an seine fünfjährige Ehe mit dem Hungerengel, die in Zeit seines Lebens begleiten werden, bilden die Grundlage für Herta Müllers Roman Atemschaukel. Eigentlich sollte es ein gemeinsamer Text werden - Pastiors Tod 2006 verhindert es.

Müller nähert sich dem Grauen des Lagerlebens mit den vier Säulen Hunger, Kälte, Schwerstarbeit und Willkür voller Poesie. Sie um fließt das kollektive Grauen wie ein Schutzschild und billigt dem Einzelnen Reste von Individualität und Würde zu. So ordnet der Protagonist Leo Lagerbereichen Gerüche zu, die er allein isst, denn im Hunger ist jeder für sich allein. Und so zeugen alle Zeilen von der unglaublichen Einsamkeit in der Masse, die für nichts, außer Hunger und Heimweh noch Gedanken übrig hat. Müller selbst will keine harten Fakten beschreiben, keine Auswege aufzeigen, es geht ihr um eine Geschichte, eine Herangehensweise ans Überleben, das Möglicherweise auch nur für einen Funktionieren kann. Die Hommage an ihren Freund ist gelungen. Nicht zuletzt seine Sprache meint man aus vielen Metaphern heraus zu lesen. Das der begnadete Dichter innerlich verstummt und die mitgebrachten Lyriksammlungen ungelesen als Zigarettenpapier für Zucker und Salz eintauscht offenbart die Realität deutlich. So bröckelt der poetische Schutzschild immer wieder. Die feinen Risse der Todesangst, der Heimatangst, der Angst des Ersetztwerdens durch den kleinen Bruder, selbst ein Lagerkind, die Angst vor der Entlarvung der Homosexualität, die den eigenen Körper, längst durch den Hunger zum Neutrum geschrumpft, zur tödlichen Gefahr macht - sie alle verblassen zwar vorm allgegenwärtigem Hunger und der Kälte, aber sie lassen Bilder des Grauens im Leser entstehen, der oft für die Poesie dankbar ist, da sie ihm eine Fluchtmöglichkeit offen lässt.

Müllers Sprache ist so reich an Metaphern, das sie an manchen Stellen schon fast überfordert. Ihr Fazit ist ernüchternd, es gibt keinen Ausweg im Leben, Fliehende werden gefasst, selbst der Tod verweigert die transzendente Erlösung. Damit geht Müller einen Schritt weiter, als bei ihrem letzten Roman Herztier - in der Diktatur ist der Tod ein Ausweg, den das Lager verweigert.

Ein beeindruckendes Buch, für Menschen, die Poesie zu schätzen wissen.

Müller, Herta
Atemschaukel
Hanser
ISBN 9783446233911
19,90 €

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