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Die Stille

Reinhard Jirgls Stille ist laut. Sein Schreibstil löst Bedeutung und Wort auseinander, legt Konnotationen frei, deren im Raum schweben wir im Laufe der Zeit längst vergessen haben. Seine Sätze gewinnen, laut ausgesprochen, neuen Sinn. Neben der Lautmalerei gehört auch der Textkörper zum Gesamtkunstwerk, den Jirgl moduliert indem er typographisch spielt.

Cover Stille

In Stille erzählt er anhand von 100 (nicht abgebildeten aber beschriebenen) Fotos die Geschichte zweier Familien. Seine Hauptfigur ist ein alter, zynischer, beziehungsunfähiger Mann, der das gescheiterte Verhältnis zu seinem Sohn hinterfragt, der, kurz vorm Auswandern den Familienhund noch mal zu sehen wünscht. Familiengeschichte, Inzest, Schuld, Krieg, politische Umwälzungen, fast lapidar werden Ereignisse in den Strudel der Betrachtungen geworfen und entziehen sich wieder. Ein suspektes und verschrobenes Kaleidoskop ohne Identifikationsfiguren.

Dokumente, wie Stammbäume, Soldbücher, Urkunden ergänzen das Bild, das sich dem Leser nur widerwillig erschließt. Der Lesefluss entsteht nur mühsam, ja, es dauerte immer mindestens 20 Seiten, bis ich in der Geschichte ankam, nur um mich ihr wieder zu entreißen - immerhin ist die Handlungsebene nur ein kleiner Teil des Gesamtkunstwerks.

Leseprobe:

Wobei von Beginn zu reden falsch wäre - du hattest längst von dir begonnen, Henriette; auch du wurdest begonnen, denn niemand hat Dabei die Freiwahl, am letzten du=selbst. So wurdest du begonnen, wie sämtliche unserer Vorfahren begonnen wurden von jener unbefragt laufenden Maschinerie-des-Fleisches, die nur dann auf sich & ihr Wirken aufmerksam macht, sobald ebendies Wirken kein Resultat bringt & der Kinderwunsch 1 Wunsch bleibt. Dann ergreifen Ver-Störung, Trauer, Ratlosigkeit die Fleische's Besitzer. Aber sie machen weiter, mit jener Versessenheit, die 1 Wahrheit nicht wahrhaben will. Weitermachen -=was ?sonst- : und wenn schließlich aufs Weitermachen !endlich 1 Resultat erfolgt, dann stehen die Macher da: in 1 Landschaft wie jener auf diesem 1 Photo, Landschaft der wintermüden Bäume&sträucher, 3 Halmafiguren im steifen Panzer gegen den äußeren Frost. 1 Spiel zwar gewonnen, doch glücklos. Weil sie zumindest ahnen: Das ist Es nicht -.- Ja, doch ich Damals, als du mir dieses Photo zeigtest, dir nicht sagen, was ich dir erst Heute sagen könnte wärst du hier (er, mein "Sohn", hat ja recht: Die Familie=Macke, der Webfehler im genealogischen Stoff): Zu Fehlern & Macken gehören auch die zu spät ins Eheleben gekommenen Kinder - solche wie du, Henriette, im vierzehnten Ehejahr geboren, zu spät um genau Diesejahre im hoffnungsvoll=kleinbürgerlichen Gehege, Mathildenburg Krämerladen Haus&garten, für 1 Kind überall Nischen Ecken Verstecke im Zwielicht, um von-dort heraus zu lauschen & und zu linsen mit dem gespannten & schon zu Frühenjahren verwöhnten Kleinmädchenblick, der glatten Ponyfrisur, - denn es liegt ein stockiger Geruch des peinlichen Verschämten u des Unziemlichen über solchen Ehen mit zu späten Kindern, als wären sie die Folge entweder einer Turnübung (die Frau nach dem Erguß Unterleib & Beine hoch drinbliebe & anschlage was der Herr gesäet) od schlichtweg Fazit eins Verkehrs-Unphalls mit Kindsfolge : dein Gesicht, Henriette, von-jeher ins Mienenspiel des Frühwissens getaucht, jenes zeitlos machende Aussehen zu alt geborener Kinder, die entweder immer- jung od niemals-jung-gewesen aussehen, etwas Ausderzeigerutschtes, das in seiner eitlen Verwöhntheit in keinem Verhältnis steht zum wirklichen Alter [...] (S. 241f)

Der Protagonist erlebt den Fluch die Geschichte der Väter zu wiederholen und erneut einen Sohn zu zeugen und ins Unglück zu stürzen und so nicht nur die Familiengeschichte sondern auch die wechselnde Verstaatlichung der verschiedenen Systeme, sei es NS oder DDR, in endlosen Zyklen wieder zu erleben. Und so nimmt eine blutige Geschichte ihren Lauf.

Jirgls Roman ist ein Ungetüm, oft zäh, an manchen Stellen erstaunlich, insgesamt sperrig. Wer ihn bezwungen hat, empfindet einen gewissen Stolz, in mir erschleicht sich der Verdacht, dass dies ein Grund für die vielen positiven Rezensionen ist. Über Stille lässt sich ungleich leichter reden, als ihn zu lesen. Ich für mein Teil halte ihn für überschätzt. Den beharrlich Neugierigen sei er dennoch, gewissermaßen als Überprüfung der eigenen Intellektualität, ans Herz gelegt.

Jirgl, Reinhard
Die Stille
Hanser
978-3446232662
24,95

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