Rätsel Nummero 180

Ich zog von Dorf zu Dorf auf der Suche nach meiner Braut. Das sagte ich natürlich erst offen, als der Tag meiner Hochzeit bereits fest stand. An dem Tag, an dem ich zum ersten Mal das Dorf betrat berichtete ich von meiner Arbeit. Ich bin Eisenbahningenieur. Das macht gleich den richtigen Eindruck. Zuverlässig, intelligent, betucht. Ich sprach im Kino des Ortes groß und breit von der Dringlichkeit, eine Eisenbahnlinie ins Innere des Landes zu bauen. So würde man endlich von den Launen des Flusses unabhängig. Die Menschen hingen an meinen Lippen, da sie eine neue Bedeutung, ja Wohlstand verkündeten, von denen ihre Eltern und Großeltern noch nicht mal geträumt hatten. Auch meine anderen Talente zeigte ich bei jeder Gelegenheit. Natürlich nur, um zu helfen. Ich bewarb mich bei allen Familien indirekt um die Hand ihrer Töchter. Vorausschauend sozusagen. Ich brachte dem Telegrafisten bei, wie man ausgebrannte Batterien weiter verwenden kann, fachsimpelte mit dem Militärarzt über Grenzkrankheiten…. Ich trank mit den Einheimischen machte aber gleichzeitig klar, dass lange Feste nichts für mich seien. War Schlichter im Streit und Sportsmann im Wasser. Siegreich natürlich! Die Mütter liebten mich, auch wenn mich die Väter immer noch mit leisem Argwohn betrachteten.

An einem heißen Tag im September entschloss ich mich Angela zu heiraten. Ich war auf der Veranda vor meiner Pension eingenickt. Als ich aufsah überquerten zwei Frauen den Markt. Beide waren in das unvorteilhafte schwarz der Trauer gekleidet. Ich fragte die Wirtin nah dem Namen der Tochter und beauftragte sie, mich an meine Heiratsabsichten zu erinnern.

Diese Geschichte trug zu einer Legende bei, die sich durch die Stadt verbreitete. Ich hatte eher die Familie meiner zukünftigen Braut als sie selbst gewonnen. Nach hartnäckigem Werben gab sie mir trotzdem das Ja-Wort. Unsere rauschende Hochzeit sollte der vorläufige Höhepunkt unserer Liebe werden. Drei Tage und Nächte feierte, jubelte und trank das gesamte Dorf mit uns. Ich hatte ihr das schönste Haus am Ort gekaut. Dorthin zogen wir uns am Tag, als der Bischof vorbei fuhr zurück, um die langerwarteten Freuden der Hochzeitsnacht auszukosten.

Es gibt viele Möglichkeiten, Ehre vorzutäuschen, sie wählte keine davon. Als ich sie zu ihrer Mutter zurück brachte gingen wir zu Fuß. Das Dorf sollte nicht schon in der Nacht von ihrer Schande erfahren. Soviel Respekt hatte ich immer noch vor ihr.

Ihre Brüder rächten sich später furchtbar. Aber das ist nicht meine, nicht unsere Geschichte. Sie soll an anderer Stelle erzählt werden. Siebzehn Jahre lang erhielt ich jede Woche einen Brief von der Frau, die für wenige Stunden die meine war. Ich habe keinen einzigen geöffnet. Aber irgendwann war es zu mühsam, ihr Werben zu schmeichelhaft. Wer so kämpft, der liebt wahrhaftig. Also nahm ich ihre Briefe und ging zu ihr zurück.



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