Taxi
Alex ist jung, antrieb- und ziellos. Da sie sich ein Studium oder eine Ausbildung nicht vorstellen kann landet sie in einem Taxibetrieb. Von nun an kutschiert sie Fahrgäste durch Hamburg und fährt vor sich und ihrem Leben gekonnt davon.

Karin Duve malt – mal wieder – ein unglaublich pessimistisches Menschheitsbild. Alex erinnert stark an Duves Heldin Anne aus Dies ist kein Liebeslied. Überfordert von sich und der Welt flüchtet sie in die eigene düstere Parallelwelt. Unfähig eine Beziehung einzugehen sucht sie sich Männer, die sie schlecht behandeln. Liegt dem anderen wirklich an ihr vergrault sie ihn, indem sie ihn mit dem gleichen Liebesentzug straft, den sie selbst zu spüren erwartet.
Durch ihre erste eigene Entscheidung – fürs Taxi fahren – scheint Alex ihre Depressionen überwunden zu haben. Ihr gelingt es, ein selbständiges Leben zu führen. Eine eigene Wohnung, eigene Freunde und einen Job, der ihr Geld einbringt wirken wie ein guter Schritt in die richtige Richtung. Aber langsam gewinnen die Zweifel Oberhand. Wirken die anderen Taxifahrer, die sie in ihre Clique aufnehmen zu Anfang noch als intellektuelle Helden der Straßen erkennt auch Alex immer mehr, dass der Schein überwiegt. Zwar lesen die Herren diverse Philosophen sind jedoch geistig vollkommen unflexibel. Auch Alex beginnt ihren Selbsthass auf Fahrgäste und Umwelt zu projizieren. Jeden Tag fällt es ihr schwerer aufzustehen und jede Begegnung, egal ob beruflich oder privat ist ein kleiner Schritt weiter auf der Abwärtsspirale nach unten.
Trotz allem gelingt es Duve einen gewissen Witz und Selbstironie in die einzelnen Episoden, die Alex Leben beschreiben, einfließen zu lassen. Ihr Spiel mit Taxinummern und Funk entwickelt eine eigene Poesie. Die Briefe des Pyramidenspiels, für das ein Kollege Alex angemeldet hat, die immer aggressiver werden, zeigen, dass andere Menschen noch viel verzweifelter – und skrupelloser – sind als Alex.
Ironischerweise beendet ihre zweite große Entscheidung den Drahtseilakt, zu dem Alex Leben inzwischen geworden ist. Fasziniert von Menschenaffen „befreit“ sie ein Tier von seinem Halter. Diese doppelt gute Tat – der Totalschaden, den sie verursacht, als das Tier ihr undankbarerweise ins Lenkrad greift, rettet die Firma vor der Pleite und kostet sie ihren Taxischein – zwingt sie, einen neuen Weg einzuschlagen. Ob der einzige Mann, der sie durchschaute, aber nie zähmen konnte, den Weg mit ihr gemeinsam geht und sich Alex wirklich aus den eigenen Fesseln befreien kann bleibt offen. Zu viel Happyend hätte auch nicht in diesen Roman gepasst.
Taxi weist viele Merkmale eines typischen Duve Romans auf: die Antiheldin mit dem negativen Selbstbild, der Mangel an sichtbarer Action, die Metaphern aus der Biologie und die Affinität zur Philosophie. So schrappt Taxi an mehreren Stellen fast am eigenen Plagiat vorbei. Zu bekannt erscheinen Charaktere und Settings.
Trotzdem gelingt es Duve wieder einen ganz besonderen Sog zu erzeugen: Auch wenn Alex der Leser Alex am liebsten schütteln oder wenigstens zur Therapie schicken möchte, ihr Leben interessiert uns. Sie nimmt uns in einer Welt an der Hand, die wir oft aus der Ferne sehen und die trotzdem seltsam unwirklich ist. In der Gewalt, Sex und Glück nur ein Fahrgast entfernt sind. In der wir lachen, uns ekeln oder einfach fassungslos sind. Alex ist nur die Klammer aus Depression, die sie zusammen hält. Und das es eine ausgesprochen subjektive Klammer ist, das vermag uns Duve durchaus zu vermitteln.
Taxi ist bisher der wohl biografischste Roman von Karen Duve.Was das für die Psyche der Autorin bedeuten könnte lässt mich ehrlich gesagt frösteln. Hoffen wir, dass das Schreiben therapeutische Wirkung hatte. Wie bei jedem ihrer Romane wird es für den geneigten Leser, der sie neu entdeckt, eine Offenbarung sein. Ich würde ihm einen guten zweiten Platz zugestehen. Ach ja, legt euch anschließend eine Comedy DVD zurecht – zu viel Depression könnte zu Lethargie und erhöhtem Trinkgeld für Taxifahrer führen.
Karen Duve
Taxi
Eichborn
08/2008
19,95
978-3821809533

Karin Duve malt – mal wieder – ein unglaublich pessimistisches Menschheitsbild. Alex erinnert stark an Duves Heldin Anne aus Dies ist kein Liebeslied. Überfordert von sich und der Welt flüchtet sie in die eigene düstere Parallelwelt. Unfähig eine Beziehung einzugehen sucht sie sich Männer, die sie schlecht behandeln. Liegt dem anderen wirklich an ihr vergrault sie ihn, indem sie ihn mit dem gleichen Liebesentzug straft, den sie selbst zu spüren erwartet.
Durch ihre erste eigene Entscheidung – fürs Taxi fahren – scheint Alex ihre Depressionen überwunden zu haben. Ihr gelingt es, ein selbständiges Leben zu führen. Eine eigene Wohnung, eigene Freunde und einen Job, der ihr Geld einbringt wirken wie ein guter Schritt in die richtige Richtung. Aber langsam gewinnen die Zweifel Oberhand. Wirken die anderen Taxifahrer, die sie in ihre Clique aufnehmen zu Anfang noch als intellektuelle Helden der Straßen erkennt auch Alex immer mehr, dass der Schein überwiegt. Zwar lesen die Herren diverse Philosophen sind jedoch geistig vollkommen unflexibel. Auch Alex beginnt ihren Selbsthass auf Fahrgäste und Umwelt zu projizieren. Jeden Tag fällt es ihr schwerer aufzustehen und jede Begegnung, egal ob beruflich oder privat ist ein kleiner Schritt weiter auf der Abwärtsspirale nach unten.
Trotz allem gelingt es Duve einen gewissen Witz und Selbstironie in die einzelnen Episoden, die Alex Leben beschreiben, einfließen zu lassen. Ihr Spiel mit Taxinummern und Funk entwickelt eine eigene Poesie. Die Briefe des Pyramidenspiels, für das ein Kollege Alex angemeldet hat, die immer aggressiver werden, zeigen, dass andere Menschen noch viel verzweifelter – und skrupelloser – sind als Alex.
Ironischerweise beendet ihre zweite große Entscheidung den Drahtseilakt, zu dem Alex Leben inzwischen geworden ist. Fasziniert von Menschenaffen „befreit“ sie ein Tier von seinem Halter. Diese doppelt gute Tat – der Totalschaden, den sie verursacht, als das Tier ihr undankbarerweise ins Lenkrad greift, rettet die Firma vor der Pleite und kostet sie ihren Taxischein – zwingt sie, einen neuen Weg einzuschlagen. Ob der einzige Mann, der sie durchschaute, aber nie zähmen konnte, den Weg mit ihr gemeinsam geht und sich Alex wirklich aus den eigenen Fesseln befreien kann bleibt offen. Zu viel Happyend hätte auch nicht in diesen Roman gepasst.
Taxi weist viele Merkmale eines typischen Duve Romans auf: die Antiheldin mit dem negativen Selbstbild, der Mangel an sichtbarer Action, die Metaphern aus der Biologie und die Affinität zur Philosophie. So schrappt Taxi an mehreren Stellen fast am eigenen Plagiat vorbei. Zu bekannt erscheinen Charaktere und Settings.
Trotzdem gelingt es Duve wieder einen ganz besonderen Sog zu erzeugen: Auch wenn Alex der Leser Alex am liebsten schütteln oder wenigstens zur Therapie schicken möchte, ihr Leben interessiert uns. Sie nimmt uns in einer Welt an der Hand, die wir oft aus der Ferne sehen und die trotzdem seltsam unwirklich ist. In der Gewalt, Sex und Glück nur ein Fahrgast entfernt sind. In der wir lachen, uns ekeln oder einfach fassungslos sind. Alex ist nur die Klammer aus Depression, die sie zusammen hält. Und das es eine ausgesprochen subjektive Klammer ist, das vermag uns Duve durchaus zu vermitteln.
Taxi ist bisher der wohl biografischste Roman von Karen Duve.
Karen Duve
Taxi
Eichborn
08/2008
19,95
978-3821809533
derwahnsinnhateinennamen - 28. Jun, 00:01

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