Rätsel Nummero 112
Mein lieber Mann, Gott hab ihn selig, hat sein Leben auf der Isar gelassen. Jedes Jahr bringe ich ihm an seinen Todestag einen Kranz auf das Grab. Er hätte es so gewollt. Ich weiß, dass der Herr Gott ihn beschützen tut. Wer sich auf Erden nichts zu Schulden kommen lässt, der wird im Himmel sein Auskommen haben, sagt der Herr Pfarrer immer.
Auf der Erden, da muss ich nun freilich selber für mein Auskommen sorgen. Ich vermiete Zimmer. Zwei junge Herren wohnen bei mir. Sie machen mir nicht viel Arbeit. Der eine ist stets krank. Er liegt in seinem Zimmer und starrt die Decke an. Er lamentiert über seine Schlaflosigkeit, seine Schlafkrankheit, das fehlende oder das zuviel an Mitleid seiner Bekannten und ist auch sonst stets unpässlich. Der andere studiert Jura. Er hat selten Besuch. Ein Weibsbild war noch nie bei uns. Seine Eltern – vornehme Juden – bezahlten ihm Kost und Logis. Ab und an kommen ernsthafte Studenten für die ich Tee koche. Dann hört man dann laute Gespräche über Paragraphen und Zion. Aber er ist kein Politischer. Er ist ein Künstler, der eigentlich Jura studiert.
Morgens spielt er Klavier – sehr zum Verdruß seines Nachbarn. Aber er spielt nicht schlecht. So ein freies Konzert ist was Feines. Auch wenn er vieles öfter spielt. Und, wie Künstler nun mal so sind, neigt er zum Schwermut. Daher habe ich ihm auch nur helfen wollen, als ich dieses kleine Schreibheft bei ihm fand. Beim Saubermachen. Nicht das hier jemand denkt, ich schnüffele hinter meinen Mietern her. Das hätte mein Mann – Gott hab ihn selig – nicht gewollt.
„Tagebuch“ und „Incipit vita nova“ stehen auf dem Titelblatt. Eigentlich hätte man es sogar abschließen können … aber das war ein Hilfeschrei. Der junge Mann wollte doch, dass ich ihm helfe.
Er habe vergessen, dass er Jude sei. Sein Judentum wäre ein lästiges Gepäckstück auf dem Weg nach Europa. Schon als Kind müsse man den Mut haben, sich von den Eltern los zu sagen.
Und dann lauter Fremdwörter und Gefühle über die Musik mit ganz vielen Ahs und Ohs… Das kann doch nicht richtig sein. Ich habe ja lange mit mir gerungen. Aber als es dann auf einmal hieß, er müsse Schluss machen. Ohne viel Geschrei verschwinden. Bis zum Äußeren gehen … da musste ich handeln. Ich habe dann dem Herrn Vater, dem Herrn Doktor einen Brief geschrieben. Ich hatte ja Angst, dass er sich was antut, der liebe Herr Student.
Werter Herr Doktor – habe ich geschrieben – und das mir sein Herr Sohn so gar nicht mehr gefallt, in letzter Zeit. Er muss sich wegen den Weibsbildern keine Sorgen machen. Es ist das Gemüt. Ob er nicht kommen könnt. Der Herr Sohn schreibt so ein gottloses Zeug in sein Tagebuch. Nicht das er sich was antut. Daher lege ich ein paar Seiten bei.
Der Vater wird’s schon richten. Immerhin ist er ein Doktor. Der kann ihn auch gleich ins Gebet nehmen. Ich habe nur mein Bestes gegeben.
Auf der Erden, da muss ich nun freilich selber für mein Auskommen sorgen. Ich vermiete Zimmer. Zwei junge Herren wohnen bei mir. Sie machen mir nicht viel Arbeit. Der eine ist stets krank. Er liegt in seinem Zimmer und starrt die Decke an. Er lamentiert über seine Schlaflosigkeit, seine Schlafkrankheit, das fehlende oder das zuviel an Mitleid seiner Bekannten und ist auch sonst stets unpässlich. Der andere studiert Jura. Er hat selten Besuch. Ein Weibsbild war noch nie bei uns. Seine Eltern – vornehme Juden – bezahlten ihm Kost und Logis. Ab und an kommen ernsthafte Studenten für die ich Tee koche. Dann hört man dann laute Gespräche über Paragraphen und Zion. Aber er ist kein Politischer. Er ist ein Künstler, der eigentlich Jura studiert.
Morgens spielt er Klavier – sehr zum Verdruß seines Nachbarn. Aber er spielt nicht schlecht. So ein freies Konzert ist was Feines. Auch wenn er vieles öfter spielt. Und, wie Künstler nun mal so sind, neigt er zum Schwermut. Daher habe ich ihm auch nur helfen wollen, als ich dieses kleine Schreibheft bei ihm fand. Beim Saubermachen. Nicht das hier jemand denkt, ich schnüffele hinter meinen Mietern her. Das hätte mein Mann – Gott hab ihn selig – nicht gewollt.
„Tagebuch“ und „Incipit vita nova“ stehen auf dem Titelblatt. Eigentlich hätte man es sogar abschließen können … aber das war ein Hilfeschrei. Der junge Mann wollte doch, dass ich ihm helfe.
Er habe vergessen, dass er Jude sei. Sein Judentum wäre ein lästiges Gepäckstück auf dem Weg nach Europa. Schon als Kind müsse man den Mut haben, sich von den Eltern los zu sagen.
Und dann lauter Fremdwörter und Gefühle über die Musik mit ganz vielen Ahs und Ohs… Das kann doch nicht richtig sein. Ich habe ja lange mit mir gerungen. Aber als es dann auf einmal hieß, er müsse Schluss machen. Ohne viel Geschrei verschwinden. Bis zum Äußeren gehen … da musste ich handeln. Ich habe dann dem Herrn Vater, dem Herrn Doktor einen Brief geschrieben. Ich hatte ja Angst, dass er sich was antut, der liebe Herr Student.
Werter Herr Doktor – habe ich geschrieben – und das mir sein Herr Sohn so gar nicht mehr gefallt, in letzter Zeit. Er muss sich wegen den Weibsbildern keine Sorgen machen. Es ist das Gemüt. Ob er nicht kommen könnt. Der Herr Sohn schreibt so ein gottloses Zeug in sein Tagebuch. Nicht das er sich was antut. Daher lege ich ein paar Seiten bei.
Der Vater wird’s schon richten. Immerhin ist er ein Doktor. Der kann ihn auch gleich ins Gebet nehmen. Ich habe nur mein Bestes gegeben.
derwahnsinnhateinennamen - 28. Apr, 00:10
