Rätsel Numero 78

Mein Onkel hatte mich zu diesem Treffen mitgenommen. Er pflegte seine Geliebte, die Witwe Pittelkow, des Öfteren zu besuchen. Diesmal sollte es ein geselliger Abend mit verschiedenen Damen sein. Eine Schauspielerin, Frau Grützmacher und dann natürlich Frau Ernestine Rehbein. Der Abend war voller Anzüglichkeiten und quälender Scherze. Ich schämte mich zutiefst für meinen Onkel und seinen Begleiter, die ihre Stellung gegenüber den Frauen ausnutzten. Gleichzeitig begann an diesem Tag mein Glück. Ich erkannte in Ernestine ein Wesen, das so rein und in seiner Armut und Tugendhaftigkeit so glücklich war.

Sie lehrte mich, das einfache Volk zu verstehen. Seine Sorgen und Zwänge – und die daraus abgeleiteten Moralvorstellungen. So verurteilte sie ihre Schwester nicht. Als Witwe mit zwei Kindern war dies eine Möglichkeit, zu leben. Moral wäre nur etwas für die Reichen. Und wieder war es an mir, mich zu schämen. Ich, der ich auf sie herab geblickt hatte.

Ich habe mich aus den Vorstellungen meines Standes gelöst. Nun will ich den endgültigen Schritt in mein Glück gehen. Ich werde sie um ihre Hand bitten. Es ist mir gewiss, dass meine Familie niemals zustimmen wird. Es liegt mir auch fern, nur den Versuch dazu machen zu wollen. Ich respektiere die herrschenden Anschauungen. Aber man kann in die Lage kommen, sich in tatsächlichem Widerstreit zu dem zu setzen, was man selbst als durchaus gültig anerkennt.

Meine Familie kann den Schritt nie gut heißen, den ich vorhabe, braucht es nicht, soll es nicht; aber sie kann ihn gelten lassen, ihn verzeihen. Daher brauchte ich einen Anwalt, als den ich den Onkel auserkoren hatte. Nun, er, der als der Freigeist der Familie gilt, nahm mir jede Hoffnung. Er versuchte alles, mir die Liaison auszureden. Er sprach von „erhitzter Phantasie“ und „Fieberanfällen“, aus denen ich eines Tages erwachen würde, um dann in einen Abgrund zu blicken.

Mein Entschluss ist gefasst. Ich werde sie bitten, mit mir nach Amerika auszuwandern. Dort gibt es keine Standesunterschiede. Wir werden einfach aber glücklich leben. Kein Graf und Gräfin mehr, aber Mann und Frau vor Gott.


derwahnsinnhateinennamen - 18. Feb, 11:32

Tipps, Nr. 1

Endlich kann ich es mal wieder schreiben:

Wir haben es hier mit einem deutschen Klassiker zu tun, der zu seiner Zeit - man glaubt es heute kaum - ein Skandal war. Immerhin thematisierte er eine - wenn auch unglückliche - Liebe zwischen einem Adeligen und einer Bürgerlichen. Natürlich gibt es kein Happy end.

Der Autor ist einer der wichtigsten Vertreter des poetischen Realismus. Jeder deutsche Schüler wird irgendwann mit einem seiner Werke bedacht. Damals war es eine der grausamsten Leseerfahrungen, die ich gemacht habe. Heute könnte ich es glaube ich sogar genießen.

derwahnsinnhateinennamen - 18. Feb, 12:20

Tipps, Nr. 2

Unser Roman wurde zwischen 1881-1888 geschrieben. Er beschreibt das Berlin der Gründerzeit. Zu seinem großen Unglück konnte er sich jedoch nicht aus dem Schatten des zweiten - zuvor erschienen - Roman über Standesunterschiede lösen. Trotzdem war der Skandal so groß, dass das Buch erst 1890 erscheinen durfte. Die Thematik der Mesalliance zwischen Adel und dem Kleinbürgertum und der moralischen Erhabenheit des Bürgers gegenüber dem Adel sorgte für viel missliche Kritik.

Andrea (anonym) - 18. Feb, 15:05

Tja, das ist jetzt der Nachteil daran, dass Fontane immer über dasselbe Thema geschrieben hat. Es ist jedenfalls auf jeden Fall Theodor Fontane - nur wo waren noch mal Pittelkow und Rehbein? *grübel*

Ich muss mal meine Sammlung durchgehen und rate solange mal: Irrungen Wirrungen?
die wahnsinnige (anonym) - 18. Feb, 15:39

fast

Irrungen und Wirrungen war der Roman, der unseren überschattete.

Theodor Fontane ist natürlich richtig.
Andrea (anonym) - 18. Feb, 16:25

So, gefunden. Aber es natürlich der letzte Fontane, den ich in die Finger nahm...

Stine

aus der Sicht von Waldemar (von?) Haldern

derwahnsinnhateinennamen - 18. Feb, 16:42

richtig
derwahnsinnhateinennamen - 18. Feb, 16:43

Lösung

Theodor Fontane:
Stine,
Aus der Sicht von Waldemar Graf Haldern

Trackback URL:
http://derwahnsinnhateinennamen.twoday.net/stories/4711557/modTrackback

logo

Der Wahnsinn hat einen Namen

... meinen

Aktuelle Beiträge

Adventskalender
Seit meine Schwester und ich ausgezogen sind basteln...
derwahnsinnhateinennamen - 1. Dez, 16:22
Adventskalener - Lösungsbogen
Loesungsbogen-Adventskalen der (pdf, 20 KB)
derwahnsinnhateinennamen - 1. Dez, 16:21
3. Türchen
Stellenanzeige Ihre Majestät der König Verwunschene...
derwahnsinnhateinennamen - 30. Nov, 14:50
2. Türchen
[Original. Von wem ist dieses Märchen?] Es war...
derwahnsinnhateinennamen - 30. Nov, 14:49
1. Türchen
Um welches Märchen handelt es sich? &
derwahnsinnhateinennamen - 30. Nov, 14:47

User Status

Du bist nicht angemeldet.

Suche

 

Status

Online seit 610 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 3. Dez, 06:09

Credits

Knallgrau New Media Solutions - Web Agentur für neue Medien

powered by Antville powered by Helma


xml version of this page
xml version of this page (summary)
xml version of this page (with comments)

twoday.net AGB

Web Counter-Modul


Advent
Bücher
Cds
Cover(ed)
Filme
Filmmusik
Harry Potter
Identitätskrisen
Leben, Arbeit und ich
Music
Serien
Unplugged
verschlumpfte Filme
Wahnsinniges
Written
You ll never walk alone
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren