Kein Sex, kein Alkohol, keine Drogen - und sage nie: "Ich komme gleich wieder!" - Musik in Horrorfilmen

Horrorfilme wollen in ihren Zuschauern Gefühle wie Angst, Schrecken und Verstörung auslösen. Im Gegensatz zum Thriller werden dabei meist übernatürliche Phänomene gewählt, denen ein - vermeintlich unterlegener - Protagonist ausgeliefert ist. Er kämpft zutiefst traumatisiert für ein normales Leben. Eine Sonderform des Genres sind Splattermovies, die durch extreme Gewaltdarstellungen schocken wollen.

Musikalisch lassen sich Bedrohung und Angst durch verschiedene Maßnahmen verstärken:

Tiefe Töne

Bässe verschaffen uns fast schon taktile Reize. Sie werden vom menschlichen Ohr nur schlecht verarbeitet, da sie in der natürlichen Alltagswarhnehmung nicht häufig vorkommen. Töne mit niedrigen Frequenzen lösen - auch wenn wir sie nicht bewußt wahrnehmen - Beklemmungen aus. Das kann von Unwohlsein bis zur Panik reichen. Die Komponisten greifen auf zwei psychologische Kompenten der Basswahrnehmung zurück:
  • Bässe befinden sich in dem Frequenzspektrum, in dem auditive und taktile Reize ineinander übergehen oder wo sich beide überlappen und damit dem Körper als Ganzes erfassen. Brust und Bauch können so, z.B. vibrieren.
  • Das Innenohrist für die Bassrezeptionen bis 800 Hz empfindlich und setzt akustische Reize in Bewegungsimpulse um. Je nach Rhythmus empfinden wir sie als beruhigend (Brummen, Surren) oder aufregend (Donner, Dröhnen, Grollen, Rumpeln).
Bässe spielen oft Ostinati, also ein sich wiederholendes Motiv.

Sons internes

Das "Vergrößern" von Eigengeräusche einer Figur, z.B. Herzschlag (durch einen unerbittlich gleichmäßigen Beat oder Synkopen, die einen Herzfehler andeuten), Atmen oder Inneohrgeräusche im Score oder durch Geräusche bezeichnet als “sons internes”. Sie treten immer dann auf, wenn das Leben der Protagonisten in Gefahr ist. Da der Zuschauer gewohnt ist, sein Herz- und Atem nur in Stresssituationen oder nach körperlichen Anstrengungen zu hören assoziert er vergleichbare Gefühle. Beispielsweise begleiten uns verschiedene Atemgeräusche in Das Schweigen der Lämmer während Starling das Lagerhaus durchsucht. Lecter, Bill, Bills Opfer und Starling lassen sich unterscheiden. Starlings Atmen wird hervorgehoben, als sie, in beklemmender Stille, durch den dunklen Keller irrt, während der Zuschauer sieht, dass der Mörder sie mit einem Infrarotgewehr im Visier hat.

schräge Töne

Es werden dissonante Intervalle eingesetzt (übermäßige Quart, kleine Sekund) oder elektronisch verzerrte Geräusche. Gut zu hören bei diesem kleinen Making of Blade 2 von Marco Beltrami:



Credits: Loki1982axala

Heavy Metal oder Gothic

In den 60ern bzw. 70ern wurde Metal noch stark vom Horrorfilm beeinflusst. Immerhin benannten sich zahlreiche Bands nach Figuren oder Filmtiteln. Beide wollten schocken und eine düstere Realität zeigen. Ein typisches Beispiel für den Einsatz ist Haus der 1000 Leichen



Credits: CabmanGray610

Electro, Industrial oder Techno

In diesen Musikgenres dominieren tiefe Bass- oder Synthesizertöne, die zu monotonen Beats ertönen. Diese - oft monotone - Härte, macht Szenen, wie z.B. die Diskoszene in Blade unvergesslich:



Credits: kyndigs

Eine Reihe von dramaturgischen Funktionen finden sich häufig bei Horrorfilmen:

Red Hering

Die Musik baut eine Spannung auf, die - kurz vor dem Höhepunkt - abreißt. Sie erweist sich als Finte. Beim Double Red Hering findet der Höhepunkt zwar statt, jedoch zeitversetzt. Zum Beispiel wird musikalisch angedeutet, dass sich etwas grauenhaftes hinter einer Tür befindet. Die Musik steigert sich bis zur Öffnung - der Raum scheint leer. Nachdem der Protagonist die Tür wieder geschlossen hat, erscheint das erwartete Monster.

Atmo

In einer typisierten Szene kommt das genau erwartete Geräusch oder die erwartete Musik, z.B. die schlagende Uhr zur Geisterstunde, die quitschenden Türen in einem leerstehenden Haus etc. .

Berühmte Scores

Psycho von Bernhard Herrmann ist wohl einer der meist zitiertesten Scores des Genres. Aus Kostengründen komponierte Herrmann einen Score nur für Streichinstrumente. Die flirrenden Geigen, die in der Duschszene das Geräusch eines Messers auf Fliesen imitieren, scheinen fast körperlich weh zu tun.



Credits: TheSnobs

Die Hellraiser Reihe von Christopher Young. Gerade der zweite Teil ist sehr düster und eine interessante Mischung von Streichern, Hörnern und Synthesizerklängen.



Credits: mim5m

The Fog - Nebel des Grauens von John Carpenter ist ein Beispiel für einen elektronischen Score.



Credits: ItaloWestern

Zu Bram Stoker's Dracula und der Musik von Wojciech Kilarkönnt ihr bei Clarissa einiges lesen:



Credits: Sea0200

Der Score von Das Omen von Jerry Goldsmith zieht seine Spannung aus dem Zusammenspiel von Orchester und Chor. Er gewann zu Recht 1977 einen Oskar für diese bedrohliche Filmmusik:



Credits: mim5m

Quellen:

Kungel, Reinhard: Filmmusik für Filmemacher.- ISBN 3 929 7239 2

Flükiger, Barbara: Sound Design: Die virtuell Klangwelt des Films.- ISBN 3 59472 506 0

de la Motte-Haber, Helga: Filmmusik: Eine systematische Beschreibung.-3-446-16164-5

Wikipediaeintrag Horrorfilm

turntable - 16. Feb, 14:05

toller beitrag und John Carpenter ist ohnehin ein wahnsinn, leider macht er kaum mehr filme und keine scores mehr.
"halloween" ist für mich der ultimative horrorfilm.
grüße

derwahnsinnhateinennamen - 16. Feb, 18:07

danke. Ja, John Carpenter ist wirklich ein Multitalent.

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