Ein offener Brief an die Bildzeitung zu Sankt Martin

Liebe Bildzeitung,
nach all den Jahren voller Laternen und Gänsen möchte ich mich als einer ihrer treusten Leser auch mal zu Wort melden. Sie haben ja meistens recht, ich meine mit Merkel, Schröder und Co. Aber einmal im Jahr platzt mir die Hutschnur. Natürlich nur bildlich gesprochen (kleines Wortspiel meinerseits, sie erlauben dass doch, oder? Sonst dürfen sie das streichen. Nur das.) Diese ganze Heldenverehrung für diesen Halunken. Was hat der denn geleistet? Das war ein Politiker. Viel schlimmer als heute. Woher ich dass weiß? Nun, ich will ihnen ein lang gehütetes Geheimnis verraten:

Sie erinnern sich an den Mann? Die Mantelgeschichte! Jetzt sagen sie bloß, die kennen sie nicht. Also, ich werde mal ihre Erinnerungen auffrischen. The man formally known as Sankt Martin (ich werde ihn der Einfachheit halber Martin nennen und ich bin mir sicher, sie werden dem, wenn sie meinen Brief zuende gelesen haben, folgen) ritt noch als Soldat durch die Gegend.

Jedenfalls traf er im Niemandsland meinen Urururururururgroßvater. Martin war, durch ausgesprochen unglückliche Umstände die mit der gelangweilten Frau eines römischen Offiziers und dessen unerwartet frühen Auftauchen zusammenhing, völlig nackt. Das wäre doch eine Story für lange Winterabende: Der Soldat, der vor den Augen eines anderen nackt aus dem Fenster sprang - nur mit einem Gladius in der Hand. Nun ja, wenn es nicht weiter gegangen wäre.

Mein Vorfahr durchschaute die Situation jedenfalls sofort. Ist halt ein helles Köpfchen. Das liegt übrigens in der Familie. Er half dem frierenden Mann aufs Pferd und die beiden galoppierten Richtung Amien. Warum er ihm überhaupt geholfen hat? Nun, der Offizier war ziemlich streng. Er hat ihn wohl verstanden.

Doch kaum war das Pferd gezügelt spürte mein Urururur...großvater schon die scharfe Klinge am Hals.

Auch wenn du mir geholfen hast, Soldat, so kann ich nicht vor meinen kommandierenden Offizier treten. Du erlaubst... Was sollte mein Vorfahr machen? Zitternd, erst vor Wut, dann vor Kälte, musste er zusehen, wie der fremde Soldat seine Uniform anzog. Er bat, ja er bettelte, dass er wenigstens den Mantel behalten dürfte. Er wäre von siner Frau gesäumt und würde schon seit Generationen in seiner Familie weitergegeben. Doch selbst diese kleine Bitte stieß auf taube Ohren.

Bis zum Stadttor lief er hinter dem Berittenen her. Schließlich - im Angesicht seiner Kameraden - ließ sich Martin zu einer Tat reiner Barmherzigkeit herab. Er teilte den Mantel einmal in der Mitte durch. Hier hast du dein Futter, möge es deiner Familie noch weiter gute Dienste verrichten... sprachs und verschwand in die Stadt.

Es dauerte Stunden, bis mein Ururururgroßvater sein Quartier erreichte. Es war ein Spießrutenlauf. Und nur wenige Stunden mehr, bis ihn die Soldaten des Offiziers abholten und wegen Ehebruchs aus der Armee warfen. Und er hatte noch Glück. Der Mann wollte keinen Skandal. Sonst hätte es nur das Schwert gegeben. Und meine ganze Familie hätte nie das Licht der Welt gesehen. Aber lassen wir das.

Ich frage nun sie, kann so ein Mensch heilig sein? Ich meine die anderen Geschichten, von wegen Gänsen und so, dass macht einen Mann doch nicht heilig. Ansonsten müssen sie mal zu mir auf den Hof kommen. Die Gänse schreien auch, wenn ich oder meine Frau im Stall sind. Vielleicht wären wir auch gute Bischöfe?

Also, ich hoffe sie überdenken ihre Heiligenverehrung noch mal. Meine Laterne wird am 11.11. auf jeden Fall aus sein.

Mit freundlichen Grüßen ihr treuer Leser

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