Mittwoch, 14. Mai 2008

Erlösung auch ohne Wunsch

Bedeutet Gewinnmaximierung in der Alten- und Krankenpflege nicht automatisch Euthanasie? Björn Kern führt uns in eine Zukunftsvision, die erschreckend realistisch erscheint. Die Gesellschaft ist vollkommen überaltert. Greise werden in Ghettos zusammengepfercht. Millionen vegetieren - entweder zu Hause oder im Krankenhaus - ruhig gespritzt vor sich hin. Demenz prägt das Stadtbild. Abends sammeln Patrouille die Verwirrten ein. Die Antwort des Staates auf seine Hilflosigkeit ist die Freigabe der Euthanasie.

Die beiden Protagonisten, Kungebein und Miller, treiben unterschiedliche Gründe in das Geschäft mit dem Tod: Während Kungebein verzweifelt etwas sucht, um die eigene mangelnde Bedeutung der Welt mitzuteilen geht Miller seinem Gottkomplex nach.

Kern Erlöser AG

Miller ist ein alttestamentarischer strafender Gott. Er gibt die Initialzündung zur neuen Welt. Nach der Schöpfung tritt er jedoch immer mehr zurück und lässt Kungebein allein. Für diesen muss Miller stets wie ein Konglomerat aus Gott und Satan sein. Selbst mit einem dementen Vater geschlagen, verweigert er diesem die freie Entscheidung aus Angst, vor dem Alleinsein. Andererseits hasst er ihn für die Symptome und die Arbeit, die er verursacht. Miller hingegen spielt auf der Arbeit denn gnädigen Gottvater. Privat hat er in seinen Augen als Vater versagt: Seine Tochter arbeitet in der Pflege und bekämpft ihren Vater politisch. Allerdings verpufft ihr Protest ungehört. Selbst die Naturgewalten scheinen sich gegen sie verschworen zu haben: der Donner lässt ihre leidenschaftlichen Argumente verstummen. Sie selbst ist als Mensch bereits genauso gescheitert, wie die leblosen Gestalten, die sie Tag und Nacht in den Schlaf spritzt. Als Gegenentwurf zum traditionellen Familienleben des Vaters hetzt sie durch ihre Arbeit. Scheinbar erfolgreich, jedoch überfordert und kaum noch in der Lage, Linderung zu schaffen. Kurzfristige Triebbefriedigung und Alkohol ersetzen in einer unmenschlichen Gesellschaft die Gefühle. Die Jungen vegetieren seelisch genauso dahin wie die Alten.

Kerns Zukunftsvision ist in erster Linie provokant. Er bietet jedoch keine Lösung. Unmenschlichkeit wird durch andere Unmenschlichkeit ersetzt. Pragmatismus ersetzt Mitleid. Der interessante Ansatz reicht nicht aus. Während die Pressekonferenz und die Schilderung von Kungebeins Fahrt durch das sterbende Berlin noch zu begeistern vermag beginnt man sich nach wenigen Kapiteln etwas mehr Substanz zu wünschen. Die politische Dimension rückt mehr und mehr in den Hintergrund. Die Schilderungen der Demenz lässt zwar in Ansätzen noch das Individuum erkennen, bald jedoch verliert er sich in wiederholte Fäkalienorgien. Bereits zu diesem Zeitpunkt ist jedem Leser klar, dass der Vater sterben wird und das er nicht in der Lage ist, eine Willenserklärung abzugeben. Banalitäten ersticken die Beziehung. Kern verschenkt hier sehr viel Potential. Den Vater trotz seiner Demenz als einzige Bezugsperson herauszuarbeiten. Weiteres verschenkt er bei dem politischen, menschlichen und juristischen Kampf um die Willenserklärung von Menschen, die sie objektiv nicht mehr abgeben können. Auch die Demenzerscheinungen bei Kungebein, immerhin erst in den 30ern, werden nur angedeutet. Kerns Gesellschaft rollt also komplett dem Massensuizid entgegen – egal ob jung oder alt.

Stilistisch hat das Buch eine Reihe von Schwächen. Kern bemüht ein wenig zu stark die Bibel. So werden eine Reihe von Formulierungen übernommen (und er sah, dass es gut war) und sie einer recht platten Sprache gegen übergesetzt. So wird Miller zwar als redegewandt und fast schon brillant beschrieben, in seinen Formulierungen findet sich dies jedoch genauso wenig wieder, wie in der Sprache des aufstrebenden Stars am Journalistenhimmel Kungebein.

Was allerdings noch viel gravierender fehlt, ist ein Gegenentwurf zum aufgezeichneten Szenario. Keiner der Protagonisten ist sympathisch oder dient als Identifikationsfigur. Gottvater zerfällt in seiner Maßlosigkeit ohne Publikum und Kungebein zeigt nur einen Hauch von Persönlichkeit, wenn er Publikum hat. Er zieht keine Konsequenzen aus seinem Handeln (z.B. im Gefängnis) und verzweifelt, da er durch die Überalterung der Gesellschaft nie die Frau finden wird, die in sein vom Kindchenschema geleitetes Beuteraster passt. Er glaubt nicht an sein Erlösungskonzept, da er zu feige ist, dem Vater diese angeblich doch so menschliche Lösung anzubieten.

Der Erlöser AG fehlen die Höhepunkte. Viele Szenarien werden nur skizziert, wie die „Romanze“ zwischen Millers Tochter und dem Pfleger oder Kungebeins Gefängnisauftritt. Sie sollen die Allmacht Millers hervorheben, Konsequenzen für die Handlung haben sie nicht. Welche Schlussfolgerung soll uns dieses Buch aufdrängen? Dass Sterbehilfe automatisch zu einer bequemen Lösung wird? Mord getarnt als Menschlichkeit? Kern macht es sich sehr einfach. Dass Menschen gerne Gott spielen? Und vor Allem: Was ist seine Gegenvision? Die haltlosen Zustände im Ghetto? Die Hilflosigkeit der Politik? Das Dahinvegetieren einer ganzen Gesellschaft – unabhängig vom Alter – in demente Zustände verfallen?

Wer den Titel und die ersten drei Kapitel der Erlöser AG gelesen hat, hat eigentlich die interessanteste Quintessenz in sich aufgesogen. Wer den Rest noch lesen möchte wird sich des Öfteren einen Kaffee wünschen. Ein Buch, das man nicht gelesen haben muss. Potential verschenkt. Schade.

Björn Kern
Die Erlöser AG
268 S.
ISBN 978-3406563744
Beck Verlag
17,90 €


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