Mein Onkel hatte mich zu diesem Treffen mitgenommen. Er pflegte seine Geliebte, die Witwe Pittelkow, des Öfteren zu besuchen. Diesmal sollte es ein geselliger Abend mit verschiedenen Damen sein. Eine Schauspielerin, Frau Grützmacher und dann natürlich Frau Ernestine Rehbein. Der Abend war voller Anzüglichkeiten und quälender Scherze. Ich schämte mich zutiefst für meinen Onkel und seinen Begleiter, die ihre Stellung gegenüber den Frauen ausnutzten. Gleichzeitig begann an diesem Tag mein Glück. Ich erkannte in Ernestine ein Wesen, das so rein und in seiner Armut und Tugendhaftigkeit so glücklich war.
Sie lehrte mich, das einfache Volk zu verstehen. Seine Sorgen und Zwänge – und die daraus abgeleiteten Moralvorstellungen. So verurteilte sie ihre Schwester nicht. Als Witwe mit zwei Kindern war dies eine Möglichkeit, zu leben. Moral wäre nur etwas für die Reichen. Und wieder war es an mir, mich zu schämen. Ich, der ich auf sie herab geblickt hatte.
Ich habe mich aus den Vorstellungen meines Standes gelöst. Nun will ich den endgültigen Schritt in mein Glück gehen. Ich werde sie um ihre Hand bitten. Es ist mir gewiss, dass meine Familie niemals zustimmen wird. Es liegt mir auch fern, nur den Versuch dazu machen zu wollen. Ich respektiere die herrschenden Anschauungen. Aber man kann in die Lage kommen, sich in tatsächlichem Widerstreit zu dem zu setzen, was man selbst als durchaus gültig anerkennt.
Meine Familie kann den Schritt nie gut heißen, den ich vorhabe, braucht es nicht, soll es nicht; aber sie kann ihn gelten lassen, ihn verzeihen. Daher brauchte ich einen Anwalt, als den ich den Onkel auserkoren hatte. Nun, er, der als der Freigeist der Familie gilt, nahm mir jede Hoffnung. Er versuchte alles, mir die Liaison auszureden. Er sprach von „erhitzter Phantasie“ und „Fieberanfällen“, aus denen ich eines Tages erwachen würde, um dann in einen Abgrund zu blicken.
Mein Entschluss ist gefasst. Ich werde sie bitten, mit mir nach Amerika auszuwandern. Dort gibt es keine Standesunterschiede. Wir werden einfach aber glücklich leben. Kein Graf und Gräfin mehr, aber Mann und Frau vor Gott.